Die Blockchain gilt als Schlüsseltechnologie, die weltweit eine neue Welle des technologischen und industriellen Wandels antreibt, und ist längst zu einem zentralen Medienthema geworden.
Auf einer Sitzung des Fintech-Ausschusses der Chinesischen Volksbank im Dezember 2019 wurde beschlossen, die Fintech-Aufsicht 2020 zu verstärken und eine Reihe regulatorischer Vorschriften – unter anderem zum Schutz persönlicher Finanzdaten und zur Regulierung der Blockchain – zu erlassen. Branchenexperten sind überzeugt, dass Fintech zu einem wichtigen Treiber für die Transformation und Weiterentwicklung von Finanzinstituten geworden ist und künftig eine entscheidende Rolle beim Aufbau eines modernen Finanzsystems spielen wird. Die Blockchain stellt dabei eine der zentralen Innovationsrichtungen im Fintech-Bereich dar.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Welche Innovationen und praktischen Anwendungen der Blockchain-Technologie gibt es derzeit im Bankensektor? Welche Veränderungen wird die Blockchain für die chinesischen Banken künftig mit sich bringen? Und vor welchen Risiken und Herausforderungen steht der Einsatz der Blockchain-Technologie in Kreditinstituten? Mit diesen Fragen beschäftigte sich ein Reporter der Zeitung „China Business Herald“ in einem exklusiven Interview mit Herrn Ye Boyu, dem Direktor des Zentrums für digitale Exzellenz im IT-Bereich der Industrial Bank.
Herr Ye Boyu vertritt die Ansicht, dass die Blockchain derzeit noch unter technischen Engpässen leidet, was ihren breiten Einsatz im Finanzsektor behindert; zudem sei das Verständnis für diese Technologie bei vielen Geschäftsbanken noch begrenzt. „Erst wenn wir zum ‚Prinzip der ersten Ursache‘ zurückkehren, also vom Wesen der Blockchain ausgehen und uns nicht ausschließlich auf die Technologie selbst fixieren, sondern sie gezielt in geeigneten Geschäftsszenarien einsetzen, um reale Probleme zu lösen, kann ihr wahrer Wert voll zur Geltung kommen.“
Unterstützung der Transformation finanzieller Geschäftsprozesse
„China Business Herald“: Angesichts der rasanten Entwicklung von Fintech und Internettechnologien hat die Blockchain mit ihren neuartigen Merkmalen wie dezentraler Architektur und technischer Absicherung weltweit große Aufmerksamkeit erregt. Welche Auswirkungen und Veränderungen wird die Blockchain für die bestehenden Geschäftsmodelle der Geschäftsbanken mit sich bringen?
Ye Boyu: Weltweit erlebt Fintech – und insbesondere die Blockchain – derzeit einen regelrechten Boom. Da die Blockchain deutliche Vorteile bei der Lösung von Problemen wie Informationsasymmetrie, zentralisierter Vermittlung durch Intermediäre und sogenannten „Informationsinseln“ bietet, beeinflusst sie die Transformation der Geschäftsprozesse in Banken zunehmend tiefgreifend. Dies zeigt sich vor allem in drei Bereichen:
Erstens: Die Einführung einheitlicher Kreditstandards zur Bewältigung der Finanzierungsprobleme kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU). KMU leiden häufig unter intransparenter Finanzlage und geringer Risikoresistenz, was zu Schwierigkeiten bei der Fremdkapitalbeschaffung führt. Durch den Einsatz der Blockchain lässt sich das traditionelle Geschäftsmodell der Banken verändern: Ein einheitlicher Kreditbewertungsstandard hilft, Informationsasymmetrien zu überwinden und trägt so direkt zur Lösung der Finanzierungsprobleme von KMU bei.
Zweitens: Die Vereinfachung von Prüfprozessen und die Steigerung der Effizienz bei Überprüfungen. Daten, die auf einer Blockchain gespeichert sind, lassen sich weder manipulieren noch rückgängig machen und sind vollständig nachvollziehbar. Dadurch wird sowohl die gemeinsame Nutzung als auch die Sicherheit der Informationen gewährleistet – was Zeit und Ressourcen bei der Identitätsverifikation von Kunden sowie der Überwachung von Geldflüssen einspart.
Drittens: Die Optimierung von Geschäftsprozessen durch die Integration von Clearing und Zahlungsabwicklung. Durch verteilte Ledger und Konsensalgorithmen garantiert die Blockchain die vollständige Übereinstimmung der Kontobücher aller beteiligten Parteien. Dadurch entfällt die traditionelle mehrseitige Abstimmung (Reconciliation), was die Prozesse vereinfacht. Gleichzeitig ermöglichen Smart Contracts eine Echtzeitabwicklung von Clearing-Prozessen und damit eine nahtlose Integration von Clearing und Zahlungsverkehr – was die Betriebskosten in diesem Bereich deutlich senkt.
„China Business Herald“: In welchen Geschäftsfeldern hat die Industrial Bank bereits Blockchain-Technologie getestet? Welche weiteren Einsatzgebiete plant die Bank für die Zukunft?
Ye Boyu: Unsere Bank hat früh die tiefgreifenden Veränderungen erkannt, die die Blockchain für die Finanzbranche mit sich bringen wird, und begann bereits 2018 systematisch mit der Erforschung und Anwendung dieser Technologie im Finanzbereich. Derzeit konzentrieren wir uns auf Pilotprojekte in den Bereichen Supply-Chain-Finanzierung, elektronische Verträge, Asset-Backed Securities (ABS) sowie blockchain-basierte Rechnungsstellung.
Zukünftig werden wir aktiv mit verschiedenen Kernunternehmen zusammenarbeiten, um branchenspezifische, auf Blockchain basierende Anwendungsszenarien zu entwickeln, und gleichzeitig stetig neue Einsatzfelder wie digitale Beweissicherung, digitale Wechsel und Informationsaustausch erforschen.
„China Business Herald“: Welche organisatorischen und personellen Maßnahmen hat die Industrial Bank zur Förderung der Blockchain-Technologie ergriffen?
Ye Boyu: Bereits 2018 richtete unsere Bank ein spezielles Team für die Entwicklung, Anwendung und Inkubation neuer Blockchain-Technologien ein. Dieses Team widmet sich intensiv der Erforschung sowohl der theoretischen Grundlagen als auch der praktischen Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain und untersucht schrittweise deren Einsatzpotenziale in Bereichen wie Supply-Chain-Finanzierung, digitale Beweissicherung, elektronische Wechsel, Zahlungsabwicklung und Datenaustausch.
Zukünftig wird unsere Bank weiterhin den Aufbau einer qualifizierten Fachkräftebasis im Bereich neuer Blockchain-Technologien vorantreiben, ein umfassendes System zur Ausbildung und Förderung von Talenten aufbauen und vielfältige Plattformen für die Entwicklung hochqualifizierter Führungskräfte schaffen – um so ein innovatives Spitzenteam hervorzubringen, das über fundierte Kenntnisse der Blockchain-Technologie im Finanzsektor verfügt.
Herausforderungen bei der finanziellen Anwendung bestehen weiterhin
„China Business Herald“: Neben den Chancen, die der Einsatz der Blockchain für Geschäftsbanken bietet, gibt es auch bestimmte Schwierigkeiten. Welche Herausforderungen sehen Sie hierbei besonders?
Ye Boyu: Aus Sicht einer Geschäftsbank sehen wir vor allem drei zentrale Herausforderungen:
Erstens: Das Verständnis der Blockchain-Technologie ist bei vielen Geschäftsbanken nach wie vor begrenzt. Die Blockchain ist im Kern keine bloße Technologie, sondern bietet der Bankpraxis eine völlig neue Denkweise und Perspektive. Erst wenn wir zum „Prinzip der ersten Ursache“ zurückkehren, also vom Wesen der Blockchain ausgehen und sie gezielt in geeigneten Geschäftsszenarien einsetzen, um reale Probleme zu lösen, kann ihr eigentlicher Wert wirklich zum Tragen kommen.
Zweitens: Die unterschiedlichen geschäftlichen Schwerpunkte sowie die unterschiedliche Bereitschaft, Transaktionsinformationen offenzulegen, erschweren es Geschäftsbanken und Unternehmen, eine gemeinsame Blockchain-Allianz zu bilden.
Drittens: Das regulatorische Umfeld für die Blockchain ist noch unzureichend ausgebildet. Bei der Erprobung und Einführung von Blockchain-Anwendungen fällt es Geschäftsbanken oft schwer, den richtigen Grad an Risikobereitschaft und die klaren Grenzen der zulässigen Anwendung zu definieren. Als natürliche Risikoaversion sind Banken neuen Technologien gegenüber grundsätzlich zurückhaltend – was eine gewisse Hemmschwelle für die breitere Einführung der Blockchain im Bankensektor darstellt.
„China Business Herald“: Warum zeigen Finanzinstitute im Blockchain-Bereich derzeit generell Zurückhaltung? Liegt dies allein an regulatorischen Faktoren oder bestehen auch technische Engpässe? Welche Maßnahmen sollten Banken ergreifen, um diese zu bewältigen?
Ye Boyu: Basierend auf unseren eigenen Erfahrungen mit der Blockchain-Technologie sowie auf aktuellen branchenweiten Forschungsergebnissen halten wir fest: Tatsächlich bestehen derzeit noch technische Engpässe, die den breiten Einsatz der Blockchain im Finanzsektor behindern.
Erstens: Als neuartige Technologie weist die Blockchain noch immer gewisse Sicherheitsrisiken auf – etwa Risiken bezüglich der Stabilität und Sicherheit des Peer-to-Peer-Netzwerks, Risiken eines Transaktions-Rollbacks durch den Konsensmechanismus, Risiken der Informationssicherheit von Transaktionsdaten, Risiken einer technisch gestützten Kreditvergabe sowie Risiken durch Sicherheitslücken bei skalierbaren Anwendungen. Vor dem Hintergrund der extrem hohen Sicherheitsanforderungen, die Banken stellen, bleibt abzuwarten, ob die Blockchain diese Belastungsprobe langfristig besteht.
Zweitens: Es ist schwierig, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Knotengröße, Leistungsfähigkeit und Fehlertoleranz herzustellen. So bietet beispielsweise der Proof-of-Work-Konsensalgorithmus (PoW), wie er bei Bitcoin verwendet wird, zwar klare Vorteile hinsichtlich Knotengröße und Fehlertoleranz, doch ist seine Transaktionsgeschwindigkeit äußerst gering: Das Bitcoin-Netzwerk erreicht theoretisch maximal sieben Transaktionen pro Sekunde – eine Leistung, die offensichtlich vielen Finanzanwendungen nicht genügt. Algorithmen, die auf byzantinisch-resilienten Konsensmechanismen beruhen, bieten zwar deutlich höhere Leistungswerte, doch sinkt deren Performance rapide, sobald die Anzahl der Knoten einen bestimmten Schwellenwert überschreitet.
Drittens: Es fehlt bislang ein einheitlicher technischer Standard für die Blockchain-Grundlagentechnologie. Banken haben daher Schwierigkeiten, bei der Auswahl einer Blockchain-Plattform deren Sicherheit, Stabilität und Leistungsfähigkeit objektiv einzuschätzen. Zudem ist die Interoperabilität zwischen verschiedenen Blockchain-Grundlagentechnologien nur eingeschränkt möglich – was die brancheninterne Zusammenarbeit und die Erweiterung von Anwendungsszenarien beeinträchtigt.
Viertens: Die Konsistenz zwischen auf der Blockchain gespeicherten Daten und den entsprechenden realweltlichen Informationen außerhalb der Blockchain lässt sich nicht garantieren. Die Blockchain kann lediglich die Integrität und Vertrauenswürdigkeit der Daten nach deren Eintragung sicherstellen; die Authentizität der Daten selbst muss jedoch durch zusätzliche Maßnahmen gewährleistet werden.
Vor diesem Hintergrund empfehlen wir Banken folgende vier Maßnahmen: Erstens: Den Aufbau und die Implementierung von Datenschutzmethoden wie Zero-Knowledge Proofs, Secure Multi-Party Computation (MPC), Differential Privacy und Fully Homomorphic Encryption im Blockchain-Umfeld sowie die verstärkte formale Verifikation von Smart Contracts, um die Datenschutzfähigkeit des Blockchain-Systems zu erhöhen und Risiken zu minimieren. Zweitens: Eine sorgfältige technische Architekturplanung, um die Knotengröße zu steuern und verschiedene Beteiligte in unterschiedlichen Schichten einzubinden – um so ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Skalierbarkeit, Leistungsfähigkeit und Fehlertoleranz zu erreichen. Drittens: Die rasche Entwicklung einheitlicher branchenweiter technischer Standards für die Blockchain sowie die fortlaufende Erforschung von Cross-Chain-Technologien wie Notary Schemes, Sidechains und Hash-Locking, um die Interoperabilität verschiedener Blockchain-Plattformen sicherzustellen. Viertens: Die Kombination der Blockchain mit anderen neuen Technologien wie dem Internet der Dinge (IoT), 5G und Künstlicher Intelligenz (KI), um manuelle Eingriffe zu reduzieren und die Vertrauenswürdigkeit der auf die Blockchain übertragenen Daten zu erhöhen.
