Autor | Shu Ying Heng Xie
Daten | Gougu Big Data
Welche Aktie hat Warren Buffett in seiner Karriere am meisten Gewinn eingebracht? Wenn Sie jetzt an „Coca-Cola“, „Gillette“, „The Washington Post“ oder „JPMorgan Chase & Co.“ denken, dann kennen Sie den „Oracle of Omaha“ nicht wirklich.
Am 29. Januar legte Apple nach Börsenschluss beeindruckende Zahlen für das vierte Quartal 2019 vor und übertraf die Erwartungen deutlich. Der Aktienkurs stieg im After-Hours-Handel daraufhin auf ein neues Rekordhoch.
Die starken Quartalszahlen trieben den Apple-Kurs in neue Höhen – doch der größte Profiteur war ausgerechnet „Aktienpapst“ Warren Buffett, der stets betont hatte, sich von Technologiewerten fernzuhalten. Buffett begann 2017, Apple-Aktien zu kaufen, mit Gesamtkosten von rund 36 Milliarden US-Dollar. Heute ist sein Apple-Paket etwa 83 Milliarden Dollar wert. Damit hat er in nur drei Jahren einen Gewinn von 47 Milliarden Dollar realisiert – mehr als die knapp 20 Milliarden aus seinem Coca-Cola-Investment. Es ist der größte Einzelgewinn seiner über 70-jährigen Anlegerkarriere.
In letzter Zeit hinkte die Performance der Berkshire Hathaway-Aktie kontinuierlich dem Markt hinterher. Zwar sitzt Buffett auf einer Bargeldreserve von 110 Milliarden Dollar, doch es fehlte seit Langem an spektakulären Investments wie einst bei Coca-Cola oder der Washington Post.
Doch wer hätte gedacht, dass der „Aktiengott“ im Alter von 87 Jahren mit einer strategischen Position bei Apple noch einmal einen Höhepunkt setzen würde?
1. Von Coca-Cola zu Apple
Buffetts Vorliebe für Coca-Cola ist legendär: Er gibt an, täglich fünf Dosen zu trinken. Auch auf der Jahreshauptversammlung von Berkshire Hathaway halten er und sein Partner Charlie Munger stets eine Dose in der Hand.
1987 geriet Coca-Cola in Schwierigkeiten. PepsiCo schürte Konflikte unter den Abfüllern, was den Aktienkurs von Coca-Cola stark unter Druck setzte. Das Unternehmen kaufte eigene Aktien zurück; zum Jahresende notierte die Aktie bei 38,10 US-Dollar.
1988 griff Buffett zu. Bis Jahresende hielt er 14,17 Millionen Aktien, die ihn 592 Millionen Dollar kosteten – ein Durchschnittspreis von 41,80 Dollar pro Stück. 1989 stockte er weiter auf: Sein Bestand verdoppelte sich auf 23,35 Millionen Aktien bei Gesamtkosten von 1,024 Milliarden Dollar. Der Durchschnittspreis für die neu erworbenen Papiere lag bei 46,80 Dollar.
1994, nach fast drei Jahren Seitwärtsbewegung der Coca-Cola-Aktie, stieg der Nettogewinn des Unternehmens auf 2,55 Milliarden Dollar, während das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) sukzessive sank. Buffett kaufte weitere Aktien im Wert von 270 Millionen Dollar; der Kaufpreis nach dem Aktiensplit belief sich auf 41,60 Dollar.
Zehn Jahre nach Buffetts erstem Investment war der Börsenwert von Coca-Cola von 25,8 Milliarden auf 143 Milliarden Dollar gestiegen. In dieser Zeit erwirtschaftete das Unternehmen Gewinne von 26,9 Milliarden Dollar, schüttete 10,5 Milliarden an Dividenden aus und behielt 16,4 Milliarden für Reinvestitionen. Jeder investierte Dollar generierte einen Marktwertzuwachs von 7,20 Dollar. Bis Ende 1999 hatte sich Buffetts ursprüngliche Milliarden-Investition in Coca-Cola auf einen Marktwert von 11,6 Milliarden Dollar vervielfacht. Die gleiche Summe im S&P 500 hätte lediglich 3 Milliarden Dollar eingebracht.
Nach 1999 trat Coca-Cola in eine Phase stabiler Entwicklung ein, der Aktienkurs blieb jedoch lange Zeit schwach. Als größter Aktionär verkaufte Buffett keine einzige Aktie. Seit 1999 ist der Coca-Cola-Kurs um weitere 134 % gestiegen.
Coca-Cola ist das Paradebeispiel für Buffetts Value-Investment-Philosophie. Doch sein lange bekundeter Verzicht auf Technologieaktien wurde durch das Apple-Investment in nur drei Jahren übertrumpft.
Im ersten Quartal 2016 kaufte Berkshire Hathaway erstmals Apple-Aktien im Wert von 1,069 Milliarden US-Dollar (9,81 Millionen Stück). Diese Entscheidung traf ein Investmentmanager des Unternehmens auf eigene Faust – und weckte damit das Interesse von Warren Buffett.
In der Folge baute Berkshire Hathaway seine Apple-Position kontinuierlich aus; im vierten Quartal wurde der Bestand sogar fast vervierfacht. Bis Ende 2016 hielt das Unternehmen insgesamt 61,243 Millionen Apple-Aktien, für die es rund 6,75 Milliarden US-Dollar ausgegeben hatte. Der durchschnittliche Kaufpreis lag bei 110,17 US-Dollar pro Aktie.
Ende Februar 2017 gab Buffett in einem Interview bekannt, dass er persönlich im Januar Apple-Aktien für mehr als 8 Milliarden US-Dollar gekauft habe. Damit hielt Berkshire Hathaway zu diesem Zeitpunkt über 133 Millionen Apple-Aktien. Buffetts persönlicher Kauf hatte den Apple-Bestand des Unternehmens also innerhalb von nur 30 Tagen verdoppelt.
Im vierten Quartal 2017 lösten Apple-Aktien erstmals die Papiere der Wells Fargo & Company als größte Einzelposition im Portfolio von Berkshire Hathaway ab.
2018 stockte Buffett die Apple-Position sogar dreimal kräftig auf: Im ersten Quartal kaufte Berkshire Hathaway etwa 75 Millionen Aktien nach, wodurch der Gesamtbestand von 165,3 Millionen auf 239,5 Millionen stieg. In den beiden folgenden Quartalen (Q2 und Q3) wurde der Bestand weiter auf 251,9 Millionen beziehungsweise 252,5 Millionen Aktien erhöht.
Zum Ende des dritten Quartals 2018 war Berkshire Hathaway mit einem Anteil von 5,31 % der drittgrößte Aktionär von Apple. Der Anteil der Apple-Aktien am Gesamtportfolio stieg auf 25,79 % – mehr als das Doppelte der zweitgrößten Einzelposition, den Aktien der Bank of America (11,69 %).
Im Februar 2019 veröffentlichte Berkshire Hathaway die Bestandsänderungen des Vorquartals: Dabei wurden insgesamt 2,9 Millionen Apple-Aktien verkauft. Der Bestand sank von 252,5 Millionen auf 249,6 Millionen Aktien; der Anteil am Gesamtportfolio fiel von 25,79 % auf 21,51 %. Später stellte sich heraus, dass Buffett selbst keine einzige Aktie verkauft hatte – die Entscheidung ging auf einen seiner Investmentmanager zurück.
Ab dem vierten Quartal 2018 brach der Apple-Kurs jedoch stark ein: Innerhalb von etwas mehr als drei Monaten verlor er bis zu 37,7 % an Wert; die Marktkapitalisierung schrumpfte um insgesamt 396,2 Milliarden US-Dollar. Der Wert von Berkshire Hathaways Apple-Bestand sank von 57 Milliarden US-Dollar auf unter 40 Milliarden – ein Verlust von über 17 Milliarden US-Dollar.
Trotzdem blieb Buffett Apple gegenüber optimistisch: Ab dem 2. Januar 2019 erholte sich der Kurs – gemeinsam mit dem gesamten US-Aktienmarkt – und legte innerhalb eines Jahres sogar um das Doppelte zu.
2. Was bei Buffett bleibt – und was sich ändert
Es ist allgemein bekannt, dass der junge Warren Buffett von Benjamin Graham in Value Investing ausgebildet wurde und dieses Konzept zeitlebens verfolgte.
Unternehmen mit starken „Moats“ (Wettbewerbsvorteilen) innerhalb des eigenen Kompetenzbereichs zu einem angemessenen oder unterbewerteten Preis – also mit ausreichender Sicherheitsmarge – zu kaufen und langfristig zu halten: Das ist die Investmentlogik, an der Buffett sein Leben lang festgehalten hat.
Diese Logik klingt einfach – ihre Umsetzung ist jedoch äußerst schwierig. Erstens überschätzen die meisten Anleger ihre eigene Kompetenz. Daher handeln sie oft außerhalb ihrer Fähigkeiten, und nur wenige Menschen kennen die genauen Grenzen ihres Wissens. Wenn beispielsweise ein Ihnen unbekannter Sektor plötzlich im Trend liegt, Brokerhäuser ihn intensiv bewerben, Influencer euphorische Prognosen abgeben und Freunde aktiv zuschlagen – wie groß ist dann Ihre Disziplin, um unbeeindruckt zu bleiben?
Zweitens bleibt die Bewertung von Preis und Wert das Kernproblem jeder Investition. Jeder Investor hat sein eigenes Bewertungssystem; Buffetts bevorzugte Methode ist seit jeher das Discounted-Cashflow-Modell (DCF).
Das Prinzip ist einfach: Der Wert eines Unternehmens ergibt sich aus der Summe aller zukünftigen Cashflows, abgezinst auf ihren heutigen Wert. Ist ein Unternehmen unterbewertet, wird gekauft; ist es überbewertet, wird verkauft.
Um den wahren Wert eines Unternehmens zu ermitteln, muss man daher sowohl die künftigen Cashflows als auch die Risikoprämie sehr präzise einschätzen können – andernfalls ist der Fehler beträchtlich.
Für Warren Buffett hingegen ist das Discounted-Cashflow-Modell vor allem ein gedankliches Werkzeug zur Unternehmensbewertung – er rechnet es nie konkret durch. Das liegt an seinem außergewöhnlich tiefen Verständnis für genau jene Unternehmen, bei denen sich dieses Modell überhaupt sinnvoll anwenden lässt.
Drittens: Langfristiges Halten von herausragenden Unternehmen mit starken Wettbewerbsvorteilen („Moats“). Der Aufstieg oder Niedergang eines Unternehmens sowie Branchenveränderungen zeigen sich oft schon innerhalb weniger Jahre. Beim Investieren geht es darum, Gewinne auf Basis einer möglichst sicheren Zukunftsprognose zu erzielen. Nur erstklassige Unternehmen mit starken „Moats“ können ihre Marktposition trotz aller Unwägbarkeiten und hartem Wettbewerb kontinuierlich festigen und Anlegern langfristig Erträge liefern. Langfristiges Halten ist kein Selbstzweck, sondern das Ergebnis einer fundierten Entscheidung. Alles braucht seine Zeit, um sich zu bewähren – der wahre Wert erstklassiger Unternehmen offenbart sich erst im Laufe der Jahre.
Warum kaufte Buffett vor 1988 keine Coca-Cola-Aktien? Weil sie ihm zu teuer waren. Doch er beobachtete Coca-Cola stets aufmerksam – denn das Unternehmen verkörpert genau den Typus, der typischerweise in seinen Kompetenzbereich („Circle of Competence“) fällt: ein einfaches Geschäftsmodell, eine überschaubare Produktpalette, eine lange und solide Erfolgsgeschichte sowie die Fähigkeit, auch künftig mit vergleichsweise geringem Kapitaleinsatz zuverlässige Cashflows zu generieren.
Buffett wartete bis 1988, als Coca-Cola auf ein Preisniveau fiel, das er als ausreichende Sicherheitsmarge („Margin of Safety“) ansah. Erst dann begann er mit dem Kauf. Denn selbst bei einem herausragenden Unternehmen schmälert ein zu hoher Einstiegspreis unweigerlich die künftige Rendite.
Warum kaufte Buffett dann vor 2016 keine Apple-Aktien? Weil Apple bis dahin außerhalb seines Kompetenzbereichs lag. Buffetts strikte Ablehnung von Technologieaktien gründete auf der Tatsache, dass die Gewinne von Tech-Unternehmen stark schwanken und sich Branchentrends rasch wandeln – was eine verlässliche Prognose künftiger Cashflows extrem schwierig macht.
Warum schätzte Buffett Apple dennoch so sehr? In einem Interview aus dem Jahr 2017 begründete er das so:
„Apple mag zwar viele technologische Komponenten haben, aber im Kern ist es nach wie vor ein Konsumgüterunternehmen.
Wenn ich mit meiner Urenkelin zu DQ gehe, bringt sie manchmal Freundinnen mit. Fast jede von ihnen hat ein iPhone. Ich frage sie, was das Gerät alles kann und wie es funktioniert … Ob sie ohne es auskommen könnten. Doch alle haben ihr Apple-Gerät in der Hand und kaum Zeit, mit mir zu reden – es sei denn, ich lade sie zum Eis ein.
Mir wurde klar, dass Apple eine außergewöhnlich hohe Kundenbindung hat und seine Produkte einen extrem hohen Nutzwert bieten.
Was die künftige Profitabilität angeht: Ich halte Tim Cooks Leistung für herausragend – seine Kapitalallokation ist äußerst klug. Ich weiß nicht, was in den Forschungslabors von Apple passiert, aber ich kenne die Gedanken seiner Kunden – denn ich habe viel Zeit damit verbracht, mit ihnen zu sprechen.“
Man erkennt: Buffett bewertet Apple weiterhin aus seiner eigenen Stärke heraus: Smartphones sind heute allgegenwärtige Konsumgüter – sie gehören nicht nur zur Tech-Branche, sondern vor allem zur Konsumgüterindustrie.
Erst als die Smartphone-Branche ausgereift war, begann Buffett, Apple-Aktien zu kaufen – weil er nun ihre klare Entwicklungslogik verstand. Apple hat durch die Attraktivität seiner Produkte und neue Geschäftsmodelle seinen Wettbewerbsvorteil („Moat“) stetig vertieft und sich zu einem hoch geschätzten, fast unverzichtbaren Konsumgut entwickelt.
Von Coca-Cola bis Apple: Was sich bei Buffett nicht geändert hat, ist sein konsequentes Festhalten am eigenen Kompetenzbereich. Was sich jedoch geändert hat, ist seine Fähigkeit, durch kontinuierliches Lernen sein Wissen zu erweitern und damit seinen Kompetenzkreis zu vergrößern.
3. Lehren für Privatanleger
Viele Anleger sind verunsichert: Einerseits heißt es, man solle stets in der eigenen Kompetenzzone bleiben, andererseits wird gefordert, diese Zone ständig zu erweitern. Wie passt das zusammen?
Der renommierte chinesische Investor Qiu Guolu brachte es einmal auf den Punkt:
In einem Gespräch mit Ray Dalio, dem Gründer von Bridgewater Associates, fragte ich ihn: „Warren Buffett betont immer, im eigenen Kompetenzbereich zu bleiben. Sie hingegen fordern ständige Weiterentwicklung und das Überschreiten dieser Grenzen. Warum?“
Dalio wich damals aus – fast schon im Taiji-Stil. Später begriff ich selbst den Unterschied: In der Forschung müssen wir unsere Kompetenz ständig erweitern und dazulernen. Bei der konkreten Anlageentscheidung hingegen sollten wir strikt in unserem bewährten Bereich bleiben und keine Schritte ins Unbekannte wagen.
In China gibt es viele sogenannte „Value-Investoren“, die dogmatisch vorgehen – wie jemand, der am Boot ein Zeichen macht, um später nach dem versunkenen Schwert zu suchen. Sie reduzieren Buffett auf bloßes „Value Investing“ und verstehen dies wiederum als simplen Kauf traditioneller Branchenwerte mit Buy-and-Hold-Strategie. Doch die wahre Kunst des Value Investing liegt in der Balance zwischen Wandel und Beständigkeit, zwischen Prinzipientreue und Anpassungsfähigkeit – alles dreht sich um den Kernbegriff „Wert“. So investierte Buffett sowohl in Coca-Cola als auch in Apple – beides lag stets in seiner Kompetenzzone.
Auf der Berkshire-Hathaway-Aktionärsversammlung 2018 räumte Buffett selbst ein, die Internet-Ära verpasst zu haben; er bedauerte, weder Amazon noch Alibaba gekauft zu haben. Doch was heißt das schon?
Ein verpasster Kauf ist weit weniger schlimm als ein Fehlkauf. Investieren spiegelt immer das eigene Verständnis wider: Welche Unternehmen Ihnen Gewinn bringen – und wie hoch dieser ausfällt – hängt vollkommen davon ab, wie gut Ihre Fähigkeiten und Ihre Persönlichkeit zur jeweiligen Investition passen.
Die meisten heutigen Anleger betrachten Investitionen jedoch als Glücksspiel. Sie träumen von unrealistischen Renditen, kaufen hoch und verkaufen tief, jagen Trends und Spekulationsobjekten hinterher – nur wenige analysieren ernsthaft den wahren Unternehmenswert.
Buffett war 58, als er Coca-Cola kaufte; bei Apple war er 86. Er hat seine Kompetenzzone kontinuierlich erweitert – und praktiziert Value Investing mit einer Haltung des lebenslangen Lernens.
Charlie Munger beschrieb Buffett so: „In meinem langen Leben hat mir nichts mehr geholfen als kontinuierliches Lernen. Nehmen Sie Warren Buffett: Wenn Sie ihn mit der Stoppuhr beobachten, werden Sie sehen, dass er die Hälfte seiner wachen Zeit mit Lesen verbringt. Als Investor ist Buffett heute viel besser als bei unserem ersten Treffen – und ich selbst bin auch gewachsen. Ich beobachte Warren seit Jahrzehnten. Er hat enorm viel gelernt, was ihm erlaubte, seine Kompetenzzone auszudehnen – so konnte er etwa in PetroChina investieren.“
Investieren ist also einerseits komplex, andererseits einfach. Letztlich kommt es darauf an, wie gut Ihr Verständnis vom Unternehmenswert mit Ihrer Persönlichkeit harmoniert. Können Sie in Ihrer Kompetenzzone den Wert eines Unternehmens richtig einschätzen, zu einem fairen Preis kaufen und geduldig ein herausragendes Unternehmen halten – und sind Sie bereit, ständig dazuzulernen und Ihr Wissen zu vertiefen? Dann steht Ihrer langfristigen Performance kaum etwas im Weg.
