Am 24. April fand in Chengdu, Sichuan, die „2023 Digital Economy Venture Capital Summit – Neue Ära, neuer Konsens, neue Zukunft“ statt. An einer Podiumsdiskussion zum Thema „Wie positioniert man sich in Web3 angesichts neuer Zukunftstrends und einer neuen Wirtschaft?“ nahmen teil: Whdysseus, Gründer von BroadChain Finance und Initiator der 1783DAO; Teco, Gründer von MetaverseHub; Archer, Mitgründer von DG Capita; Zero Chung, Mitgründer von Azimerve Ltd.; sowie Su Shengyu, CEO von Oasis Qiyuan.

Im Folgenden finden Sie das redigierte Transkript der Diskussion (leicht gekürzt von BroadChain Finance):
Whdysseus: Unser heutiges Thema lautet: „Wie positioniert man sich in Web3 angesichts neuer Zukunftstrends und einer neuen Wirtschaft?“ Zunächst bitte ich alle Teilnehmer, sich kurz vorzustellen und von ihrer Arbeit im Web3-Bereich zu erzählen.
Whdysseus: Ich bin Anfang 2018 in die Web3-Branche eingestiegen, zunächst mit einem Finanzmedienprojekt, aus dem dann BroadChain Finance hervorging. Im Juli 2022 habe ich die Web3-DAO-Organisation 1783DAO ins Leben gerufen.
Heute zählt die 1783DAO zu den bekanntesten DAOs im chinesischsprachigen Raum. Während des Hongkong Web3 Carnivals haben wir drei exklusive Networking-Events mit insgesamt über 1.500 Teilnehmern veranstaltet. Auf der offiziellen Website des Carnivals wird die 1783DAO als die führende Community gelistet.

Teco: Ich bin der Gründer von MetaverseHub, Chinas erstem Medien- und Branchenportal, das sich ausschließlich auf das Metaverse konzentriert. Wir bieten auch Schulungen und Beratung für Behörden und Unternehmen in diesem Bereich an. MetaverseHub wurde 2021 gegründet, als das Metaverse noch nicht im Mainstream angekommen war.
Archer: Unser Fokus liegt auf der Erforschung und Investition in internationale „Unicorn“-Unternehmen. Derzeit konzentrieren wir uns vor allem auf Layer-2-Lösungen und GameFi; der Entertainment-Sektor ist ein weiterer strategischer Schwerpunkt.
Zero Chung: Ich bin Mitgründer von Azimerve Ltd. in Hongkong. Seit 2021 agieren wir als Metaverse-Agentur und bereiten derzeit eine maritime Web3-Veranstaltung vor.
Su Shengyu: Unser Team besteht aus Gründern der „Generation 2000+“ und arbeitet als experimentelles Labor, das sich primär auf die technische Entwicklung von Blockchain-Engines konzentriert.
Im Web3-Bereich entwickeln wir seit 2021 intelligente Medieninteraktionstechnologien – also jenen populären Metaverse-Sektor, der aktuell in China stark beachtet wird – und bieten Metaverse-Dienstleistungen für zahlreiche namhafte Unternehmen an. Parallel dazu arbeiten wir an GameFi-Produkten. Außerdem haben wir über zwei Jahre hinweg eine chinesischsprachige, technikorientierte Designer-DAO aufgebaut, die bis heute sehr aktiv ist.
Whdysseus: Die neue Wirtschaft ist ein neuer Wachstumstreiber. Welche Rolle und welchen Wert wird Web3 Ihrer Meinung nach in dieser Entwicklung spielen?
Teco: Web3 steckt noch in den Kinderschuhen; seine Gesamtmarktkapitalisierung liegt bei nur einigen Billionen US-Dollar. Verglichen mit traditionellen Wirtschaftssektoren ist das Volumen noch sehr gering. Aus Sicht des Kapitalmarkts braucht Web3 daher vielleicht eine überzeugende „Story“.
Eine solche überzeugende Story gilt nicht nur für Web3 und KI, sondern vielleicht auch für andere Bereiche. Wer sich letztendlich durchsetzen wird, lässt sich wohl erst in drei bis fünf Jahren sagen.
Ich bin jedoch überzeugt, dass Web3 genug Raum bietet, um alle Aspekte der digitalen Wirtschaft zu integrieren.

Archer: Die Kreativität und Mobilität von Web3-Experten ist außergewöhnlich hoch – das zeigt sich in zunehmender Industrialisierung und Skalierung. Ein klares Ziel motiviert die Beteiligten und fördert die Wertschöpfung. In diesem Sektor gibt es viele Chancen, die Mut, hohe Erwartungen und die richtige Spezialisierung erfordern. Obwohl Web3 noch ein junges Ökosystem ist, hat es sich im Vergleich zu vor vier oder fünf Jahren enorm weiterentwickelt. Heute ist die Branche professioneller, transparenter und regulierter. Die Teilnehmer auf Konferenzen wollen nicht mehr nur schnell reich werden, sondern verstehen, wohin ihr Segment sich entwickelt, und darin ihren eigenen Weg finden.
Zero Chung: Meiner Ansicht nach muss die bestehende Blockchain-Technologie in Web3 stärker verbreitet werden, damit sie wirklich jeder nutzen kann.
Viele Web3-Projekte agieren unabhängig voneinander. Wenn man jedoch ihre jeweiligen Stärken bündelt – ähnlich wie bei der Gründung einer DAO – und alle Ressourcen gezielt in Web3 investiert, entsteht ein kraftvoller Synergieeffekt.
Derzeit sind Web3 und die Blockchain-Technologie noch Nischenphänomene und haben ihr volles Potenzial für breite Anwendungen noch nicht ausgeschöpft.
Daher lautet die zentrale Frage für 2023: Wie verbindet man reale und virtuelle Welten – also traditionelle Web2-Ressourcen mit Web3-Blockchain-Technologien?
Web3 ist für mich persönlich ein bedeutendes und zugleich frühes Thema. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir es für die breite Öffentlichkeit zugänglich machen – eine sehr wichtige Aufgabe.
Su Shengyu: Das auffälligste Merkmal der neuen Wirtschaft ist die Verlagerung des Unternehmens- und Marktwerts von physischen zu immateriellen Vermögenswerten. Web3 baut gerade das nächste Internet vertrauenswürdiger Werte auf. Betrachtet man beides zusammen, so bietet Web3 eine Plattform für vertrauenswürdige Werte und deren Transfer innerhalb der gesamten digitalen und neuen Wirtschaft. Wir spüren bereits, dass immer mehr Menschen digitaler Wirtschaft und immateriellen Werten größere Bedeutung beimessen. Daher glaube ich, dass Web3 in Zukunft einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der digitalen Wirtschaft leisten wird.
Whdysseus: In jüngster Zeit stand in chinesischsprachigen Regionen vor allem der Hongkong Web3 Carnival im Fokus – veranstaltet von Wanxiang Blockchain und Hashkey.
Wir würden gerne von Ihnen erfahren, welche persönlichen Eindrücke Sie vom Hongkong Web3 Carnival mitgenommen haben. Was war dort besonders beeindruckend oder attraktiv für Sie?
Teco: Erstens: Regulierungskompatibilität. Vor fünf oder sechs Jahren gab es diesen Begriff noch nicht. Heute gibt es in Hongkong lizenzierte Krypto-Börsen – ein deutlicher Fortschritt für die gesamte Branche, insbesondere für Fachleute vom Festland.
Zweitens: Professionalisierung. Neben Branchenexperten stoßen nun auch neue Talente aus traditionellen Unternehmen, großen Internetkonzernen und Top-Universitäten dazu – ein großer Gewinn für die Branche und für Venture-Capital-Investitionen.
Drittens: Praxisbezug. Ich war über eine Woche in Hongkong. Obwohl es einige vielversprechende Projekte gab, fehlte doch ein Projekt mit echter Zugkraft für die gesamte Branche.
Nach dem Ende der Talsohle könnten in den nächsten zwei bis drei Jahren noch mehr vielversprechende Projekte entstehen – eine gute Nachricht für Investoren.
Archer: Ich sehe drei Punkte. Erstens gibt es in Hongkong zwar viele Risikokapitalgeber und frühe Projekte, doch viele davon setzen mehr auf Konzepte als auf solide technische Grundlagen.
Zweitens bietet Hongkong zwar viele Chancen für Gründungen und Jobs, doch die Einstiegshürden steigen und erfordern eine realistische Einschätzung.
Drittens spüre ich als Brancheninsider, dass die Narrative immer vielfältiger und komplexer werden. Wir sollten daher diejenigen fördern, die sich tiefgehend mit Technologie beschäftigen, um echte kommerzielle Anwendungen zu schaffen – und uns nicht von medial aufgeblasenen „Bubble“-Geschichten blenden lassen.

Zero Chung: Als Hongkonger freue ich mich sehr, dass hier innerhalb einer Woche über 100 Web3-Veranstaltungen stattfinden. Allerdings fällt auf, dass 90 % der Teilnehmer aus China kommen.
Meiner Meinung nach sollten Veranstaltungen in Hongkong internationaler aufgestellt sein – idealerweise mit etwa 50 % Teilnehmern aus China, 30 % aus anderen asiatischen Ländern und 20 % aus Europa und den USA.
Zudem sollten wir aktiv herausragende chinesische Projekte in ganz Asien und weltweit bekannt machen. Ich habe in den letzten beiden Jahren mehrere Vorträge in Europa gehalten und wünsche mir, dass China im Web3-Bereich zunehmend reifer wird. Diese exzellenten Projekte sollten gezielt in asiatische Länder und darüber hinaus getragen werden – wobei Hongkong hier als Brücke dienen kann.
Über Hongkong können wir diese Projekte international positionieren und so ein breiteres Publikum für chinesische Ideen und Innovationen gewinnen.
2023 hört man oft den Begriff „Phygital“ – die Verbindung von E-Commerce und Web3 – und die Frage, wie man diese herausragenden Projekte international sichtbar macht. Wir sollten mit verschiedenen ausländischen Projekten zusammenarbeiten, um die stärksten Komponenten zu identifizieren und zu kombinieren und so neue Geschäftsmodelle zu schaffen.
Su Shengyu: Am ersten Tag besuchte ich die Hauptausstellung des Web3-Festivals und sprach mit vielen Projektvertretern. Mir fiel auf, dass einige ihr eigenes Projekt nur oberflächlich verstanden – an manchen Ständen waren gar keine Techniker, sondern nur charmante junge Frauen, die Werbematerial verteilten.
Am zweiten Tag war ich auf der Hong Kong International Tech Show und erkannte, dass Hongkong praktisch keine Software-Cluster oder etablierten Softwareunternehmen hat. Ich fragte Freunde an der University of Hong Kong, warum Hongkong keine bekannten Softwarefirmen hervorgebracht hat. Sie rieten mir, doch mal den Digital Harbour (Cyberport) zu besuchen.
Mein Eindruck ist, dass Hongkong in erster Linie eine Finanzmetropole ist, deren aktuelles Niveau noch nicht ausreicht, um starke Technologieprojekte zu tragen. Für chinesische Projekte ist Hongkong jedoch ein ausgezeichnetes Sprungbrett – etwa für die Gründung einer lokalen Niederlassung oder die Bereitstellung technischer Dienstleistungen.
Auch wenn kleinere und mittlere Projekte oft nicht den Mut haben, direkt nach Singapur zu gehen, kann Hongkong als Zwischenetappe helfen, die benötigten Ressourcen zu finden.
Whdysseus: Viele sagen, Web3 sei das Internet der nächsten Generation. In der Web2-Ära erzielten chinesische Unternehmen bemerkenswerte Erfolge – mit Tencent und Alibaba entstanden zwei der zehn wertvollsten Internetunternehmen weltweit.
Daher meine Frage an die Panelteilnehmer: Welche Vorteile und Chancen haben chinesische Akteure in der Web3-Welt?
Teco: Aufgrund der politischen Rahmenbedingungen der letzten zwei Jahre bevorzugen viele Investmentfonds derzeit kein Kapital chinesischer Investoren – einige Projekte wählen sogar gezielt ausländische Investoren. Das ist eine etwas peinliche Situation.
Mit den sich wandelnden politischen Rahmenbedingungen in Hongkong könnte sich jedoch eine Tendenz zur Zusammenarbeit unter Investmentfonds abzeichnen, sodass chinesische Investoren Projekte leichter vorantreiben könnten. Was die Chancen betrifft: Der Web3-Sektor steckt noch in den Kinderschuhen – und das bedeutet, dass zahlreiche Möglichkeiten bestehen.
In den kommenden Jahren werden wir mehr Web3-Projekte brauchen – nicht nur solche, die rein mit Web3 oder Blockchain zu tun haben, sondern solche, die Nutzer als echte, brauchbare Produkte wahrnehmen. Das könnte ein zentraler Fokus und zugleich eine große Chance sein.
Archer: Chinesische Akteure haben nach wie vor viele Chancen – wir können auf unserem Wissensfundament aufbauen. Als Teil einer vielfältigen Kultur können wir verschiedene kulturelle Elemente verbinden und NFT-Anwendungen in den Alltag integrieren, um so einen Mehrwert für 1,4 Milliarden Menschen zu schaffen.
Auch wenn wir bei Blockchain-Innovationen etwas zurückliegen, können wir lernen und gleichzeitig Erfahrung sammeln. Zuerst sollten wir unsere eigene Geschichte gut erzählen und uns im heimischen Markt verankern – um sie später, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, nach außen zu tragen. Selbst wenn das fünf bis zehn Jahre dauern mag – die Chance ist bereits da.
Zero Chung: Derzeit bereiten viele Hongkonger Unternehmen die Gründung neuer Firmen und Geschäftsmodelle sowohl in Hongkong als auch in der Greater Bay Area vor – sie arbeiten intensiv daran, bessere Ergebnisse zu erzielen.
Beispielsweise entwickelt sich der E-Commerce-Bereich weiter: Einige Cloud-Dienste erwägen bereits die Integration von Web3-Technologien. Die Anwendungsbereiche von Web3 werden kontinuierlich größer – so wird jeder Online-Shop künftig über individuelle Schnittstellen verfügen. Diese Web3-Lösungen können mit physischen Produkten interagieren und sich nahtlos in lokale Gemeinschaften integrieren, sobald die Zeit reif ist.
In Zukunft wird die Anwendung von Web3-Technologien weiter zunehmen und immer mehr Teil der realen Welt werden.
Darüber hinaus spielt geistiges Eigentum (IP) eine entscheidende Rolle. Unabhängig vom Land ist der Aufbau eines eigenen IP-Portfolios und der Schutz geistigen Eigentums kostspielig.
Wir sollten Web3-Projekte durch entsprechende Tools und Infrastruktur stärken, um ihren Wert zu steigern. Bei dieser breiten Anwendung sollten wir Web3-Technologien auf der Grundlagenebene einsetzen, sodass jeder Nutzer darauf zugreifen kann. Ein solches Ökosystem kann traditionelle Geschäftsmodelle transformieren und allen Beteiligten auf verschiedenen Ebenen Nutzen bringen.
In den nächsten Jahren werden wir diesen Wandel erleben – ähnlich wie beim Übergang vom Telefon zum Smartphone.

Su Shengyu: Ein Drittel der Mitarbeiter von OpenAI sind chinesischer Herkunft – chinesische Akteure zeigen in vielen Branchen eine gewisse ethnisch bedingte Begabung.
Aus narrativer Sicht glauben viele nicht, dass Chinesen langfristige Überzeugungen haben – denn wir sprechen selbst selten über Glauben.
Oft wird selbst dann, wenn bekannt ist, dass ein Projekt von Chinesen entwickelt wurde, dieses so perfekt verpackt, dass keinerlei chinesische Spuren erkennbar sind – sodass es wie ein langfristig orientiertes ausländisches Projekt wirkt. Darauf müssen wir besonders achten.
Nur mit einem langfristigen Technologievertrauen lassen sich im Web3-Bereich wirklich vertrauenswürdige Produkte entwickeln.
Gleichzeitig verfügen chinesische Teams über herausragende Fähigkeiten im Produktdesign. Sie verstehen es, Nutzerbedürfnisse präzise zu erfassen und jedes Detail sorgfältig auszuarbeiten. Genau daran mangelt es derzeit vielen Web3-Produkten: an echter Nutzerfreundlichkeit.
Stellen Sie sich vor, selbst eine 80-jährige Person könnte problemlos NFTs handeln – das wäre der Moment, in dem Web3 tatsächlich im Mainstream ankommt. Dieser Durchbruch könnte sehr wohl von chinesischen Entwicklern erreicht werden.
Hinzu kommt der große Pool an Talenten in China, insbesondere unter der technikbegeisterten Jugend. Viele dieser jungen Menschen strömen in die Branche, um hier ihre berufliche Heimat zu finden.
Die technologischen Kosten im Inland sind zudem äußerst wettbewerbsfähig. Dies eröffnet exzellente Möglichkeiten, etwa für technische Abrechnungen über die Greater Bay Area nach Hongkong. Chinesische Entwickler können diesen Kostenvorteil nutzen, um Produkte zu schaffen, die unsere Interaktionsweisen grundlegend verändern – eine gewaltige Chance.
