Zuverlässige Daten über Kryptobörsen zu finden, ist bekanntermaßen schwierig. Nachdem Bitwise im vergangenen Jahr einen vielbeachteten Bericht veröffentlicht hatte, der die von den Börsen selbst gemeldeten Handelsvolumina in Frage stellte, reagierten zahlreiche Ranking-Portale und Analyseunternehmen: Sie entwickelten eigene Kennzahlen, um Kryptobörsen und deren Handelsaktivitäten besser bewerten zu können.
Doch auch diese Metriken haben Schwächen: Oft werden nicht alle relevanten Börsen erfasst, manche stützen sich auf leicht manipulierbare Daten wie Web-Traffic oder App-Store-Rankings, und die Berechnungsmethodik ist häufig nicht transparent genug.
Auf der Suche nach einer besseren und transparenteren Bewertungsgrundlage haben wir uns daher für einen anderen Ansatz entschieden: Wir analysierten die Cold-Wallet-Bestände führender Börsen mithilfe von Daten von chain.info. Basierend auf bestimmten Annahmen zu Transfers zwischen Einzahlungsadressen, Hot Wallets und Cold Wallets konnten wir die Cold-Wallet-Adressen der Börsen und deren Vermögenswerte identifizieren.
Zwar ist auch diese Methode nicht perfekt – sie beruht weiterhin auf Annahmen und kann nicht alle Cold-Wallet-Adressen mit absoluter Sicherheit erfassen –, doch hat sie einen klaren Vorteil gegenüber anderen Bewertungskennzahlen: Da die Daten aus der Analyse von On-Chain-Transfers stammen, sind sie kaum zu fälschen.
Doch welche Börsen halten nach unserer Analyse die meisten Bitcoin in ihren Cold Wallets?
An erster Stelle steht eindeutig Coinbase. Die Börse hält mehr Bitcoin als jede andere Plattform – und ihr Bestand ist im vergangenen Jahr deutlich gewachsen. Bemerkenswert ist dabei das stetige und offenbar kursunabhängige Wachstum. Der Bitcoin-Bestand in Coinbases Cold Wallet steht kurz davor, die Marke von einer Million zu überschreiten.

Der deutliche Vorsprung und das stabile Wachstum von Coinbase könnten darauf hindeuten, dass die Börse besonders viele langfristig orientierte oder institutionelle Anleger anzieht, die weniger auf kurzfristige Kursbewegungen achten.
Wie schneiden andere Top-Börsen ab?

Die Grafik zeigt deutliche Unterschiede. Der Bitcoin-Bestand von Binance lag den größten Teil des Jahres auf Platz zwei, schwankte dabei aber ohne klaren Trend. Bitfinex belegte Anfang 2019 Rang drei, doch ihr Bestand nahm im ersten Quartal kontinuierlich ab, bevor er gegen Ende des Jahres wieder anzog.
Bittrex, Bitstamp und Kraken lagen Anfang 2019 auf den Plätzen vier, sechs und sieben; ihre Cold-Wallet-Bestände blieben nahezu unverändert.
Am auffälligsten ist jedoch Huobi: Innerhalb eines Jahres stieg die Börse vom fünften auf den zweiten Platz. Es wird vermutet, dass ein Großteil der PlusToken-Transaktionen über Huobi abgewickelt wurde – was den starken Aufwärtstrend im Ranking erklären könnte.
Die vier Börsen am Ende unserer Analyse waren Coincheck, Bitflyer, Gate.io und OKEx. Drei von ihnen verzeichneten steigende Bitcoin-Bestände, während Coincheck nahezu konstant blieb.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Bei den Bitcoin-Cold-Wallet-Beständen bleibt Coinbase die unangefochtene Nummer eins, und ihr Vorsprung hat im vergangenen Jahr weiter zugenommen. Börsen wie Binance, Bitfinex, Bittrex, Bitstamp, Kraken und Coincheck zeigten 2019 nur geringe Veränderungen. Deutliche Zuwächse verzeichneten hingegen Huobi, Bitflyer, OKEx und Gate.io.
Allerdings ist bei der Interpretation der On-Chain-Daten Vorsicht geboten: Einige der vertikalen „Sprünge“ in der Grafik könnten schlicht darauf zurückzuführen sein, dass der Algorithmus neue Cold-Wallet-Adressen entdeckt hat oder dass es bei der Datensynchronisation zu Verzögerungen kam – und nicht auf tatsächliche neue Einlagen bei der Börse.
Börsentokens im Blick
Mehrere der von uns untersuchten Börsen haben eigene Tokens ausgegeben. Das wirft die Frage auf: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Performance dieser Tokens im Jahr 2019 und den Bitcoin-Beständen in den Cold Wallets der jeweiligen Börsen?
Grundsätzlich spricht einiges dafür: Erstens deuten höhere Kundeneinlagen tendenziell auf mehr Handelsaktivität und damit höhere Einnahmen der Börse hin. Zweitens signalisieren große Cold-Wallet-Bestände den Nutzern ein hohes Sicherheitsniveau gegenüber Hackerangriffen oder Betrug – was die Attraktivität des hauseigenen Tokens steigern könnte.
Binance, Huobi, Bitfinex, Gate.io und OKEx haben jeweils eigene Tokens. Um den Einfluss des Bitcoin-Kurses auszuschließen, haben wir die Token-Renditen in Bitcoin – und nicht in Fiat-Währung – gemessen.

Dabei fällt auf: Alle Börsentokens performten im ersten Quartal 2019 außergewöhnlich gut, mit Renditen von über 100 %. Diese starke Performance ließ im weiteren Jahresverlauf jedoch nach. Bis Jahresende erwiesen sich die Tokens von OKEx (2-fach) und Huobi (1,3-fach) als die besten. Der Binance Token (BNB) erzielte zwar Mitte des Jahres beachtliche Gewinne, konnte diese aber nicht bis zum Jahresende halten. Die Tokens von Gate.io und Bitfinex verloren über das gesamte Jahr 2019 kontinuierlich an Wert.
Den Daten von 2019 zufolge scheint es tatsächlich eine gewisse Korrelation zu geben: Huobi und OKEx verzeichneten sowohl bei den Cold-Wallet-Beständen als auch bei den Token-Preisen Zuwächse, während Bitfinex und Binance in beiden Bereichen weitgehend stabil blieben. Eine Ausnahme ist Gate.io: Obwohl die Cold-Wallet-Bestände stiegen, fiel der Token-Preis. Das könnte daran liegen, dass Gate.io in unserer Stichprobe den mit Abstand niedrigsten Bitcoin-Bestand aufweist – die absolute Veränderung war möglicherweise zu gering, um einen spürbaren Einfluss auf den Token-Preis zu haben.
Zwar ist die Cold-Wallet-Metrik kein perfekter Indikator zur Bewertung von Kryptobörsen, doch sie bietet einen interessanten Einblick in Nutzerzahlen, Handelsvolumina und Einnahmen. Und: Cold-Wallet-Daten sind vergleichsweise schwer zu fälschen oder zu manipulieren.
