Am Abend des 8. August ging die zweite Folge der fünften Staffel der Talkshow „Guanhuo Langya Bang“ auf Sendung. Zu Gast war Shi Xingguo (Mitglied des Fachausschusses für Blockchain der Chinesischen Informatik-Gesellschaft, Preisträger des Nationalen Fortschrittspreises für Wissenschaft und Technologie, Gründer von Hyperchain, ehemaliger Chefingenieur des Internet-Labors am Software-Forschungsinstitut der Chinesischen Akademie der Wissenschaften). Sein Gesprächspartner war Luo Jinhai, Initiator des Projekts „2140“, CEO der Quantum School sowie Autor der Bücher „Metaverse visuell erklärt“, „Metaverse-Design“ und des mit dem Wenjin-Buchpreis ausgezeichneten Werks „Die Schönheit mathematischer Formeln“. Er gilt als „Ingenieur mit Sinn für Dichtung“ und „Chefredakteur mit Verständnis für Quantenmechanik“.
Das Thema des Dialogs zwischen diesen beiden herausragenden Persönlichkeiten lautete: „Warum ist Web3 eine historische Chance für China, im Internet die Kurve zu kratzen?“ – ein wahres Gedankenfestmahl! Auf der einen Seite ein bescheidener, aber hochkompetenter Blockchain-Pionier, auf der anderen ein renommierter Science-Fiction-Autor und erfahrener Web3-Botschafter. Gemeinsam lieferten sie ein tiefgründiges Gespräch, das Gefühl und Verstand, Idealismus und Realismus meisterhaft verband.

In ihrem Mund wird Web3-Technologie nicht trocken, sondern literarisch und von humanistischem Denken durchdrungen. Shi Xingguo bezog sich bei der Erörterung von Web3 und Metaverse auf das klassische Gedicht „Ballade von Mulan“ und beschrieb die Lage der Blockchain-Branche mit den Worten: „Links hält man einen Feuerstock, rechts das ‚Diamant-Sutra‘.“ Luo Jinhai wiederum zitierte für die Beschreibung idealer digitaler Sammlerstücke Yu Guangzhongs Gedicht „Auf der Suche nach Li Bai“: „Der Wein fließt in den mutigen Magen – sieben Zehntel verwandeln sich in Mondlicht; die restlichen drei Zehntel werden zum Schwertklang; ein Hauch aus seinem Mund bringt die halbe Pracht der Tang-Dynastie hervor.“ Das Publikum war begeistert: Ein Meistergespräch der besonderen Art!
Ebenso beeindruckend war die Diskussion zur Frage: „Ist die Menschheit Web3 überhaupt würdig?“ – eine echte Gretchenfrage:
Als erfahrener Blockchain-Praktiker gestand Luo Jinhai, Bitcoin mittlerweile fast zu verachten. Der aktuelle Zustand zeige, dass unkonventionelle Wege unter gesunder Regulierung durchaus möglich seien. Die menschliche Raserei – etwa in Kryptospekulationen oder dem Traum vom schnellen Reichtum – sei jedoch kaum zu bändigen. Falls es eine Antwort geben müsse, so seine persönliche Einschätzung: „Wir sind Web3 tatsächlich nicht würdig.“
Shi Xingguo hingegen meinte: „Ob digitale Währungen oder das Chaos in der Community – langfristig tragfähige Geschäftsmodelle werden daraus nicht erwachsen. Derzeit ist einfach noch nicht der richtige Zeitpunkt gekommen. Sicher berührt dies dunkle Seiten der menschlichen Natur, doch ich glaube an ihren dualen Charakter – Buddha und Dämon existieren nebeneinander, der eine nimmt zu, der andere ab.“
Tatsächlich widersprechen sich beide Standpunkte nicht, sondern regen aus unterschiedlichen Perspektiven zu tiefer Reflexion an.
Highlights dieser Folge:
1. Welche Web3-Segmente bieten in China besonders viel Zukunftspotenzial?
2. Ist die Menschheit Web3 überhaupt würdig?
3. Wie lange dauert es noch, bis wir in eine echte Web3-Welt eintreten? Welche Hürden sind zu überwinden?
4. Wie kann man sich in Web3 vor Risiken schützen und gleichzeitig die Chancen der neuen Ära nutzen?
5. Warum gilt das Metaverse als „Ur-Erzählung der Menschheit“? Was erklärt seinen weltweiten Hype?
6. Welche Lehren zieht der Kryptomarkt aus dem Luna-Crash?
7. Wie ist der echte Wert von NFTs einzuschätzen und welche Trends zeichnen sich ab?
8. Wie müssten ideale digitale Sammlerstücke aussehen?
9. Ist der Markt für digitale Sammlerstücke nur ein Hype oder entwickelt er sich zum nachhaltigen Long-Tail-Markt? Wie lässt sich der umkämpfte Markt neu ordnen?
Die vollständige Aufzeichnung des Interviews finden Sie im WeChat-Video-Kanal „Huoxun Finance“ unter „Livestream-Wiedergabe“.
Vorschau: In der dritten Folge der fünften Staffel – „Web3-Pioniere“ – ist Wang Yuehua, Partner beim DeDing Innovation Fund, zu Gast. Der Silicon-Valley-VC mit langjähriger Web3-Erfahrung hat bereits mehrere bekannte Projekte finanziert. Nächste Woche spricht Shi Xingguo mit ihm über dessen Investitionslogik, Strategien für Web3 und Metaverse sowie seine Einschätzungen zu aktuellen Trends wie neuen Public Chains und GameFi. Melden Sie sich im WeChat-Video-Kanal „Huoxun Finance“ für den Live-Stream an!
Zur Sendung: Die fünfte Staffel der Talkshow „Guanhuo Langya Bang“ von Huoxun Finance trägt den Titel „Web3-Pioniere“. In jeder Folge führt Gastgeber Shi Xingguo ein intensives Gespräch mit einem Branchenexperten. Themen wie Web3, Metaverse und NFT-basierte digitale Sammlerstücke werden aus Perspektiven wie Bildung, Technologie, Philosophie, Investment, Kunst, Industrie und Recht beleuchtet. Aktuelle Cases werden analysiert und Zukunftstrends prognostiziert – stets mit dem Ziel, unseren Nutzern hochwertige Inhalte mit echtem Mehrwert zu bieten.
Auszüge aus dem Gespräch:
Erster Teil: Web3
Shi Xingguo:
Bevor wir beginnen, möchte ich Herrn Luo meinen Respekt aussprechen. Ihre Artikel sind hervorragend und regen zum Nachdenken an. Es freut mich, heute mit Ihnen sprechen zu können. Ende April veröffentlichten Sie einen Artikel mit dem Titel „Web3.0 hat nichts mit China zu tun!“, der viele Web3-Praktiker und Internet-Profis aufhorchen ließ. Am 14. Juni hielten Sie dann auf dem „Guanhuo Metaverse Digital Collectibles Summit“ eine Rede mit dem Titel „Ist die Menschheit Web3 überhaupt würdig?“, in der Sie die Kontroverse aufgriffen und schlussfolgerten: „Die Web3-Ära ist eine historische Chance für China, im Internet die Kurve zu kratzen.“ Warum ist Web3 eine solche Chance? Und welche Web3-Segmente sehen Sie in China als besonders vielversprechend an?
Luo Jinhai:
Vielen Dank, Herr Shi. Zunächst zur Entstehung des Artikels: Als Medienprofi wollte ich die Web3-Branche etwas systematischer einordnen – vielleicht waren meine Formulierungen zu drastisch, was in der aktuellen Lage zu großer Verbreitung führte. Warum Web3 eine Chance für China ist? Zwischen 1993 und 1998 startete China als Nachahmer ins Internet. Im mobilen Zeitalter konnten wir uns auf Anwendungsebene bereits messen – doch die Architektur blieb westlich geprägt. Auch die Grundideen des Internets stammen fast ausschließlich aus dem Westen – bis zur Web3-Ära.
Erstens knüpft Web3 nahtlos an Web2 an, wo wir eine solide Basis haben. Zweitens sind wir in der Blockchain-Technologie grundsätzlich auf Augenhöhe mit dem Westen – besonders auf Anwendungsebene, etwa im Mining, bei Hardware oder Rechenleistung.
Zu den vielversprechendsten Segmenten: Erstens Wallets: Als technischer Zugang zur Identitätsverifikation können sie leicht Monopole bilden – ähnlich wie MetaMask. Zweitens Blockchain-Games: Der Sektor steckt noch in den Kinderschuhen, die Lieferketten sind unreif – daher enorme Chancen. Drittens die Creator Economy, die aus IP-Rechten und kulturellen Kreationen erwächst.
Shi Xingguo:
Ihre Antwort zeigt, warum Ihnen die Frage „Hat Web3 etwas mit China zu tun?“ so wichtig ist. Doch genau die genannten Segmente könnten in China kaum umgesetzt werden. Das zeigt, dass Sie Chinas Internetentwicklung mit großer Sorge verfolgen – „Liebe macht streng“. Wir sind von ‚Copy to China‘ zu ‚Copy from China‘ geworden, und China ist ein fruchtbarer Boden für die Internetindustrie. Der größte Hemmschuh für Ihre favorisierten Segmente sind jedoch Regulierung und Kapital. Beide wirken gleichermaßen als Treiber und Bremser.
In der Web2-Ära unterschieden sich Chinas Soziale Netzwerke, E-Commerce, Kurzvideos und Livestreams stark vom Ausland – weshalb ausländische Internetfirmen hier oft scheiterten. Daher bewerte ich den chinesischen Markt nicht aus ausländischer Perspektive. In der Web3-Ära hoffe ich natürlich, dass China weltweit führt – doch entscheidend ist, ob Regulierung und Kapital positiv wirken können.
Luo Jinhai:
Vielen Dank für Ihre Einsicht, Herr Shi. Wenn wir uns nur auf Hardware wie VR konzentrieren, gibt es im Web3 tatsächlich wenig Diskussionswürdiges, denn der Kern von Web3 sind nach wie vor Blockchain-Anwendungen – die Grundlage für alle Branchen in diesem Ökosystem. Welche konkreten Teilbereiche des Web3 halten Sie in China für besonders entwicklungsfähig?
Shi Xingguo:
Betrachtet man den relativ erfolgreichen Entwicklungsweg von Web2, wird klar: Der entscheidende Treiber für die gesamte Branche ist der Internet-Traffic. Wir bewerten den Wert von Internetanwendungen ständig anhand von Kennzahlen wie Nutzerzahlen oder täglichen aktiven Nutzern (DAU), die den Traffic widerspiegeln. Traffic gleicht jedoch einer unkontrollierbaren Flut, die sich mit veränderten Betriebsmodellen ständig neu formt. Auch wenn sich Web2-Traffic bis auf den einzelnen Nutzer zurückverfolgen lässt, bleibt er insgesamt zu grob. Ob in privaten Communities, Unternehmen oder auf Websites – Traffic ist letztlich nur eine Zahl und weit entfernt von einer datenbasierten, feingranularen Steuerung.
Genau hier sehe ich enormes Potenzial – und die dezentralen Technologien des Web3 ermöglichen es, detaillierte Traffic-Daten sowohl auf Datenebene als auch hinsichtlich der damit verbundenen Rechte zu erfassen. So wird eine präzise und langschwänzige („Long-Tail“) Gestaltung möglich. Sobald Traffic gezielt gesteuert und sein Langschwanz-Wert sichtbar gemacht werden kann, lässt sich sein Wert so effizient erschließen wie bei einem durchdachten Wassermanagementsystem.
Im Web2 konnte der Wert des Traffics nie präzise ausgedrückt werden – wir wussten nur, dass er wertvoll ist. Web3 steht noch ganz am Anfang, doch bereits jetzt entstehen digitale Sammlerstücke und NFTs, die Rechte exakt abbilden. Begonnen in der Kunstszene, hat sich dieser Ansatz auf Tourismus und persönliche Marken ausgeweitet und könnte künftig mit regionalen Spezialitäten oder mitgliedschaftsbasierten Vertriebsmodellen kombiniert werden. Eine präzise Zuordnung von Traffic zu konkreten Bedürfnissen erfordert jedoch eine noch feinere und komplexere Rechteausgestaltung – und darin liegt der eigentliche Schlüssel des Web3.
Sobald immer mehr reale Geschäftsmodelle diese Art der Rechteausgestaltung benötigen, werden auch zunehmend konsumorientierte Bereiche ins Web3 strömen – nicht nur die derzeit dominierenden Finanz- und Vermögenswerte, die das „Innenleben“ des Web3 bilden. Erst dann hat Web3 eine nachhaltigere und greifbarere Zukunft.
Ich erinnere mich an Ihren Vortrag auf dem „Guohuo Metaverse Digital Collectibles Summit“, Herr Luo, dessen Titel zum Nachdenken anregte: „Ist die Menschheit Web3 überhaupt würdig?“. Als einer der frühesten Web3-Unternehmer haben Sie unter anderem die erste Kryptowährungs-E-Commerce-Plattform „Bixuwang“, die Drittanbieter-Zahlungsplattform „Colapay“ und später „CoinCola“ gegründet. Auf Ihrem Weg haben Sie viele Facetten der menschlichen Natur erlebt. In Ihrem Vortrag betonten Sie, dass NFTs und DAOs hervorragende Werkzeuge für wohlmeinende Idealisten seien – doch gleichzeitig tauchten unzählige Sicherheitslücken und Betrugsfälle auf. Daher stellten Sie die Frage: „Ist die Menschheit Web3 überhaupt würdig?“ Haben Sie darauf eine persönliche Antwort?
Luo Jinhai:
Ich habe tatsächlich zahlreiche Projekte umgesetzt und war in der Frühphase der Branche als eine Art „Missionar“ unterwegs. Doch heute betrachte ich Bitcoin, dem wir damals mit großem Engagement unsere Kraft gewidmet haben, mit einer gewissen Verachtung. Erstens hat sich Bitcoin technisch über Jahre kaum weiterentwickelt. Zweitens ist es nicht zur Zukunftswährung geworden, wie wir ursprünglichen Fundamentalisten es erhofft hatten. Drittens wird Bitcoin mittlerweile vollständig vom Wall-Street-Kapital beherrscht – sein Kurs verläuft nahezu identisch mit dem Nasdaq-Index. Wenn ich frage, ob die Menschheit Web3 würdig sei, dann richtet sich diese Frage auch an uns selbst – an jene, die im Web3 Reichtum angehäuft haben: Sind wir wirklich bereit, eine vernünftige Regulierung zu akzeptieren? Sind wir persönlich dazu bereit?
Die aktuelle Situation von Bitcoin zeigt, dass es durchaus möglich ist, sich trotz vernünftiger Regulierung in eine schräge Richtung zu bewegen – was paradoxerweise zu einem Widerspruch führt: Wir protestieren lautstark gegen zu rigide Regulierung, doch sobald sie vernünftiger wird, könnten wir trotzdem wieder auf Abwege geraten.
Wir haben in der Frühphase viele idealistische Projekte gestartet – etwa eine Art „Taobao“ innerhalb der Kryptowelt. Doch rückblickend stellen wir fest, dass im Krypto-Sektor heute praktisch nur noch zwei Arten von Projekten überlebt haben: Börsen und Mining. Die meisten echten technologischen Innovationen sind hingegen gescheitert – genauso wie unsere eigenen Projekte.
Die menschliche Raserei, die sich in Phänomenen wie Kryptowährungs-Spekulation oder schnellem Reichtum über Nacht zeigt, ist kaum zu fassen – wie Newton einst sagte: „Ich kann die Bewegung der Himmelskörper berechnen, aber nicht den Wahnsinn der Menschen.“
Wenn ich die Frage beantworten müsste, würde ich persönlich sagen: Nein, wir sind Web3 tatsächlich nicht würdig.
Shi Xingguo:
Meiner Ansicht nach durchlaufen alle neuen Technologien zunächst eine Phase des „wilden Wachstums“. Ich erinnere mich, dass zwischen 1994 und 1998 die allgemeine Einstellung zum Internet überwiegend negativ war. Damals kostete der Internetzugang mehrere Tausend Yuan, und Bereiche wie Pornografie, Glücksspiel, Drogenhandel oder Raubkopien – alles ungeklärte, unregulierte Felder – zogen gerade jene Spekulanten an, die gegenüber neuen Technologien einen „feinen Geruchssinn“ besaßen. Mit zunehmender Beteiligung positiv eingestellter Menschen veränderte sich das Internet jedoch grundlegend.
Ob nun das Chaos rund um Kryptowährungen oder die Blockchain-Branche – solche Phänomene werden keine langfristig tragfähigen Geschäftsmodelle hervorbringen. Der richtige Zeitpunkt dafür ist einfach noch nicht gekommen. Sie haben zweifellos den dunklen Aspekt der menschlichen Natur getroffen – doch ich glaube weiterhin an die duale Natur des Menschen, an das ständige Wechselspiel zwischen Gut und Böse. Vor dem Hintergrund, dass die Menschheit momentan noch nicht in der Lage ist, die große Transformation des Web3 vollständig zu bewältigen, haben Sie vorgeschlagen, dass „Web2.5“ über einen längeren Zeitraum die dominierende Form bleiben könnte, um die Welt schrittweise ins Web3 zu überführen. Könnten Sie bitte erklären, was unter „Web2.5“ zu verstehen ist – und welche erfolgreichen Beispiele dafür Ihrer Meinung nach bereits existieren?
Luo Jinhai:
Meine Sichtweise stimmt im Grunde mit der von Herrn Shi überein: Die Logik des Web3 folgt nahtlos der des Internets und entwickelt sich mit fortschreitender Zeit durch die zugrundeliegende Technologie – daran besteht kein Zweifel.
Da Herr Shi dies erwähnt, werfen wir noch einen Blick auf das Internet: Die heutigen Leitbegriffe wie „Teilen“, „kostenlos“, „frei“ sowie die Folgen der Informationsexplosion und der Globalisierung bringen jeweils Vor- und Nachteile mit sich. So führte die Globalisierung beispielsweise zur Gegenbewegung der „Deglobalisierung“, und die Informationsexplosion zerstörte die lineare Denkweise, die sich über Jahrtausende entwickelt hatte. Wissen und Horizonterweiterung haben uns nicht rationaler gemacht – vielmehr ist das Internet heute emotionaler geworden, unser Wissenssystem ist fragmentiert, und wir sind nicht mehr in der Lage, tiefschürfend zu denken – ganz anders als Menschen in der Druckzeit, als Informationen knapp waren.
Die durch die Internetentwicklung verursachten Nachteile haben ein Ökosystem hervorgebracht, das von Lärm und Unterhaltung dominiert wird – bis hin zum „Entertainment to Death“. Wenn wir Web2 selbst noch nicht richtig beherrschen, wie sollten wir da jemals Web3 meistern? Natürlich stimme ich Herrn Shis Einschätzung zu – doch unsere idealistisch konstruierte Zukunft passt derzeit nicht zur Realität. Technischer Fortschritt und menschliche Entwicklung sind bislang nicht synchron verlaufen.
Kommen wir zum Thema Web2.5: Aus meiner eigenen Projekterfahrung lässt sich festhalten, dass wir mit dem aktuellen Stand der Technik und unserem begrenzten Verständnis nicht alle Handlungen einer Web3-Anwendung direkt in die Web3-Welt integrieren können. Stattdessen müssen wir sie an etablierte Web2-Produkte ankoppeln.
Erstens haben Web2-Produkte wie WeChat, Bilibili oder Douyin ihre Benutzererfahrung nahezu perfektioniert. Zweitens folgt die Entwicklung von Web3-Produkten nach wie vor zentralisierten Internet-Regeln und -Diensten – etwa dem TPS-Antwortmechanismus. Daher konzentrieren sich Web3-Produkte primär auf die Backend-Seite, etwa Finanzabrechnungen oder Buchhaltungsdaten, wo sie tief mit Web3 integriert werden. Die Frontend-Oberfläche und die Benutzerinteraktion hingegen nutzen wir direkt von ausgereiften Web2-Produkten.
Das klassischste Beispiel hierfür ist OpenSea: Im Kern unterscheidet es sich kaum von einer herkömmlichen E-Commerce-Plattform – der einzige Unterschied liegt darin, dass die Kernaktionen (wie das „Minten“ oder „Verkaufen“ von Assets) auf einer Blockchain stattfinden. Das heißt: Ein direkter Sprung ins Web3 wäre ein Fehler, den ich selbst in meinen frühen Projekten begangen habe – ein naiver Idealismus, der nicht nur zu einer schlechten Benutzererfahrung führt, sondern auch die breite Akzeptanz durch die Nutzermassen unmöglich macht. Ein echter Web3-Unternehmer muss dies unbedingt verstehen.
Gerne würde ich auch Ihre Meinung dazu hören, Herr Shi: Wie bewerten Sie diese Übergangsphase vom Web2 zum Web3? Und wie lange schätzen Sie, bis die Menschheit tatsächlich in eine echte Web3-Welt eintreten wird – und welche Hindernisse müssen dabei überwunden werden?
Shi Xingguo:
Ich stimme Herrn Luo voll und ganz zu, dass ein schrittweiser Übergang über Web2.5 der richtige Weg ist. Was den Zeitrahmen für den tatsächlichen Eintritt der Menschheit in die Web3-Welt betrifft, schätze ich grob, dass dies drei bis fünf Jahre dauern könnte. Möglicherweise sind Durchbrüche in Geschäftsmodellen oder regulatorischen Rahmenbedingungen erforderlich – doch entscheidend wird letztlich der technologische Durchbruch sein, vergleichbar mit der Rolle des Smartphones beim Übergang vom Internet- zum mobilen Internet-Zeitalter.
Üblicherweise analysiert man Web3 aus geschäftlichen, rechtlichen oder regulatorischen Perspektiven – etwa hinsichtlich Nutzermentalität, Gewohnheiten, Geschäftsmöglichkeiten oder Geschäftsmodellen. Als Techniker interessiere ich mich jedoch vor allem für die Technologie.
Als Grundlage von Web3 steht die Blockchain – doch öffentliche Blockchains sind bisher nicht in der Lage, Anwendungen auf Internet-Niveau zu tragen. Die Probleme der Interoperabilität zwischen Chains („Cross-chain“) und der Skalierbarkeit der Chains selbst haben sich in den letzten Jahren kaum verbessert. Der Cross-chain-Bridge-Vorfall Ende letzten Jahres führte sogar zu Verlusten in Höhe von fast einer Milliarde US-Dollar. Ethereum, das durch mehrere hunderttausend tägliche aktive Nutzer regelrecht „verstopft“ wurde, hat sich wiederholt skaliert und Sidechains eingerichtet, um den Überlauf an Geschäftsvolumen aufzufangen – doch all dies sind nur kurzfristige Lösungen ohne langfristige Wirkung.
Einige Projekte setzen stattdessen auf Konsortiums-Blockchains („Consortium Chains“), um durch Reduzierung der Knotenanzahl die Geschwindigkeit zu steigern. Doch damit gehen sie zugleich die charakteristischen Merkmale öffentlicher Blockchains ein – und sobald sich die Mitgliederzahl oder die Knotenanzahl erhöht, stoßen sie erneut an die Grenzen ihrer seriellen Architektur. Die Suche nach Lösungen für Layer-0-Technologien und für vertragsbasierte Cross-chain-Interoperabilität ist daher bei allen Chains äußerst intensiv.
Bei parallelen Blockchain-Architekturen treten all diese Probleme nicht auf – das ist das wichtigste Ergebnis unserer Teamforschung seit 2015. Laut dem aktuellen Entwicklungsplan für parallele Blockchains werden in den nächsten drei bis fünf Jahren entscheidende Durchbrüche erzielt. Sobald die Blockchain-Kapazität ausreicht, könnte Web3 Wirklichkeit werden. Bis dahin stimme ich Ihrer Einschätzung zur längerfristigen Existenz von Web2.5 vollkommen zu.
Die Entwicklung von Web3 wird zwangsläufig mit Regulierungsfragen verknüpft sein. Herr Luo hat einmal gesagt, die Web3-Welt brauche klare regulatorische Grenzen, dürfe aber „nicht das Kind mit dem Bade ausschütten“. Welche Empfehlungen haben Sie zur Regulierung, und wie lässt sich das Verhältnis zwischen Regulierung und Innovation optimal gestalten?
Luo Jinhai:
Über die technischen Unterschiede zwischen verschiedenen Blockchain-Grundlagentechnologien – etwa im Ethereum-Ökosystem und dessen ungelösten Basisproblemen – könnte Herr Shi später gerne mit mir gemeinsam tiefer eingehen. Zunächst aber zum Thema Regulierung.
Chinas Regulierung der Blockchain-Technologie selbst war nie übermäßig streng. Bereits bei unserem frühen Projektstart 2013 stellten wir fest, dass die Blockchain-Regulierung in China lockerer war als im Westen – möglicherweise wegen des damals noch nicht vollständig ausgebauten Finanzregulierungsrahmens. Bis 2017 wurde die Regulierung durchweg als flexibel und liberal wahrgenommen.
Erst ab 2017, als Betrugsfälle im Kryptomarkt massiv zunahmen und zahlreiche Missstände ans Licht kamen, reagierte der Staat mit einer strikten, pauschalen Regulierung für Kryptowährungen. Das führt dazu, dass unsere offizielle Kommunikation heute gegenüber Web3 und verwandten Konzepten äußerst vorsichtig agiert.
Daher lautet mein einziges Regulierungsprinzip: Die Verantwortlichen müssen über sehr konkrete und tiefgreifende Branchenkenntnisse verfügen. Strenge Regulierung ist kein Problem – Halbwissen dagegen schon. Wenn die Verantwortlichen nicht ausreichend informiert sind, sollte möglichst ein „Sandbox“-Ansatz gewählt werden.
Welche Empfehlungen hat Herr Shi zur Regulierung? Als aktiver Branchenakteur berücksichtigen Sie bei Ihren Projekten ja ebenfalls regulatorische Aspekte. Gibt es bereits konkrete, greifbare Regulierungsmaßnahmen? Wenn ja, wie gehen Sie damit um? Fürchten Sie rechtliche Sanktionen gegen Ihre Projekte? Wie bewerten Sie Ihre persönliche Sicherheit?
Shi Xingguo:
Branchenakteure empfinden die Regulierung oft ähnlich intensiv. Häufig sind wir uns unsicher, welchen Kurs die Politik einschlägt; selbst nach mehrfachen Expertenkonsultationen bleibt die Antwort oft unklar – was uns bei der Geschäftsentwicklung erheblich verunsichert. Als Entwickler grundlegender Technologien stehen wir vielleicht noch relativ gut da; Unternehmen, die direkt mit Kunden und Vermögenswerten arbeiten, spüren die allgegenwärtige regulatorische Unsicherheit jedoch deutlich stärker.
Meiner Ansicht nach bestimmt die Regulierung letztlich, ob Web3.0 in China wirklich Fuß fassen kann. Regulierung ist notwendig, muss aber differenziert sein – eine pauschale „Alles-oder-nichts“-Haltung oder übereilte Zurückhaltung wäre kontraproduktiv. Jede neue Branche durchläuft zwangsläufig einen Prozess des Ausprobierens und Scheiterns – das ist die Quelle effektiver Innovation. Weder Regulierungsbehörden noch Medien sollten eine ganze Branche willkürlich diskreditieren oder dämonisieren.
Schließlich braucht Regulierung eine gewisse Stabilität und Vorhersehbarkeit – abrupte, unvorhersehbare Kurswechsel um 180 Grad sind zu vermeiden.
Luo Jinhai:
Ich verstehe die von Herrn Shi beschriebenen Bedenken der Geschäftsseite vollkommen. Bei unseren früheren anwendungsorientierten Geschäftslösungen konsultierten wir bereits drei Rechtsanwälte zu Compliance-Fragen – alle gaben Entwarnung; trotzdem blieb ich stets äußerst vorsichtig.
Shi Xingguo:
Herr Luo, welche Empfehlungen hätten Sie heute für Branchenakteure, die gerade erst beginnen oder bereits voll in Web3-Projekte investiert sind? Wie können Risiken in Web3 vermieden und gleichzeitig die historischen Chancen genutzt werden?
Luo Jinhai:
Möglicherweise wegen meiner Unternehmenszugehörigkeit und Perspektive sehe ich diesen Aspekt etwas unklar – sogar mit einer leichten Voreingenommenheit.
Erstens können wir nicht ignorieren, dass Web2-Großunternehmen als zentralisierte Akteure in die Web3-Entwicklung eindringen und dabei dezentrale Geschäftsmodelle aufbauen.
In der Frühphase des Internets und zu Beginn der Web2-Ära konnten Führungskräfte großer Unternehmen die damaligen Internetkonzepte nicht vollständig erfassen. Heute verstehen Internet-Profis Web3 teilweise sogar besser als wir „Ur-Web3-Anhänger“. Ihre Einstiegswege in Web3 sowie ihre Strategien zur Integration von Web3 in bestehende Geschäftsmodelle sind kaum vorhersehbar. Daher halte ich jede Form der Teilnahme – solange weder Branchenakteure noch die Welt insgesamt Web3 wirklich verstanden haben – für äußerst vorsichtig.
Zweiter Teil: Metaverse
Shi Xingguo:
Herr Luo leitet 2140 und das Zimi Lab, die kürzlich zwei neue Bücher veröffentlicht haben: „Metaverse visuell erklärt“ und „Metaverse-Design“. Darin vergleicht er das Metaverse mit dem „Exodus des 21. Jahrhunderts“ – einer Erzählung, die die globale Narration für das nächste Jahrhundert ersetzen könnte. Das Metaverse besitzt eine natürliche Faszinationskraft und eine starke „Meta-Erzähl-Funktion“. Warum wird das Metaverse als „Meta-Narrativ der Menschheit“ bezeichnet? Was ist die zugrundeliegende Logik dafür, dass das Metaverse weltweit so populär wurde und eine breite, phänomenale Verbreitung erfahren hat?
Luo Jinhai:
Zur Frage, warum das Metaverse so große Anziehungskraft und mentale Triebkraft besitzt, fällt mir sofort der Begriff „Meta-Narrativ“ ein. Ursprünglich war das Metaverse ein äußerst vages und schwer greifbares Konzept, in das praktisch alles hineinprojiziert wurde.
Als ich jedoch den Begriff „Sprach-Narrativ“ ins Spiel brachte, erinnerte ich mich an Leibniz‘ Idee, eine universelle mathematische Logik zur Schaffung einer weltweiten Sprache zu nutzen – angewendet auf das Metaverse ergibt sich daraus das Meta-Narrativ. Es weist uns eine vollständige Richtung für unsere digitale Zukunft. Im Vergleich zum trockenen und schwer vorstellbaren Web3 hat das Metaverse dank seiner bemerkenswerten Inklusivität und Vorstellbarkeit erfolgreich eine phänomenale Verbreitung erreicht. Genau wie die von amerikanischen Wissenschaftlern in den 1960er-Jahren geprägte Globalisierung gab es vielen Eliten eine klare Orientierung und führte zu Konzepten wie globaler Informations-, Logistik- und Wissensverbreitung.
Mit dem Aufkommen des Anti-Globalismus und dem allmählichen Verschwinden der Globalisierung – jener über ein halbes Jahrhundert hinweg die Welt erleuchtenden sogenannten „Meta-Narration“ – braucht jeder von uns innerlich ein neues Meta-Narrativ. Als Journalist und Autor gründete ich 2140 mit dem Ziel, ein neues Meta-Narrativ zu finden, das die Menschheit auf ihrem Weg nach vorne erleuchtet.
Zum Thema Gründung: Ich habe auch von Ihrer Gründungsgeschichte gehört, Herr Shi. 2016 verließen Sie Ihre prestigeträchtige Position im staatlichen System und legten Ihr Amt als Chefingenieur des Internet-Labors am Software-Institut der Chinesischen Akademie der Wissenschaften nieder, um mit Ihrem Team das Unternehmen „Chao Kuai Lian“ („Super-Blockchain“) zu gründen und sich auf die Forschung und Entwicklung paralleler Blockchain-Technologien zu konzentrieren. Wir würden uns freuen, wenn Sie uns Ihre Gründungsmotivation und Ihre Erfahrungen teilen könnten.
Shi Xingguo:
Mein erster Kontakt mit dem Internet – damals noch ein rohes System aus einfachen Zeichen – hinterließ bei mir einen enormen Eindruck. Das Gefühl, physische Distanzen mühelos zu überbrücken, motivierte mich, mich der Entwicklung grundlegender Internet-Technologien zu widmen; so gelangte ich zufällig ans Software-Institut der Chinesischen Akademie der Wissenschaften.
Das Internet basierte damals auf dem Linux-Betriebssystem; meine Arbeit am Institut konzentrierte sich auf die Entwicklung grundlegender Linux-Technologien. Als dann die Blockchain auftauchte, versetzte sie mich in dieselbe Begeisterung wie damals das Internet – ich erkannte sofort, dass die Blockchain unsere Zukunft sein würde, die Grundlage des zukünftigen Internets, genau wie Linux. Jede neue Technologie beginnt zunächst in roher Form; unsere Aufgabe als Entwickler grundlegender Technologien besteht darin, sie zu verfeinern, zu verbreiten und die dabei auftretenden Herausforderungen zu lösen – das war mein ursprünglicher Antrieb für die Erforschung paralleler Blockchain-Technologien.
Aktuelle serielle Architekturen weisen jedoch zahlreiche Schwächen auf und sind nicht in der Lage, Anwendungen und Nutzerzahlen auf Web3- oder Metaverse-Niveau zu bewältigen. Führende E-Commerce-Plattformen wie Tmall oder JD.com verarbeiten bei ihren täglichen Verkaufsaktionen Nutzerströme, die einem echten Krieg gleichen – ähnlich wie Hua Mulan im „Lied von Mulan“, die sich auf ihre militärische Mission vorbereitet: „Am Ostmarkt kaufte sie ein schnelles Pferd, am Westmarkt den Sattel, am Südmart das Zaumzeug, am Nordmarkt die Peitsche.“
In der Blockchain-Branche herrscht derzeit eine Situation, die man mit dem Bild „in der linken Hand einen Feuerstock, in der rechten Hand das Diamantsutra“ beschreiben könnte – man ist sich unsicher, ob man kämpfen oder betteln soll. Verglichen mit den Nutzerzahlen, die Web2-Systeme bewältigen, liegt die aktuelle Kapazität der Blockchain-Branche bei weniger als einem Tausendstel oder sogar einem Zehntausendstel.
Unser Team wird von außen oft als technikbegeisterte Nerds wahrgenommen; Geld steht für uns normalerweise nicht an erster Stelle. Wichtiger ist unsere Leidenschaft für die Technologie selbst und ihr disruptives Potenzial. Als wir das Potenzial der parallelen Blockchain-Architektur erkannten, konnten wir einfach nicht mehr untätig bleiben.
Dritter Teil: Der Crypto- und NFT-Markt
Shi Xingguo:
Kommen wir zum jüngsten Crash des Kryptomarktes. Im Mai dieses Jahres löste der Zusammenbruch von Luna einen Dominoeffekt aus, der zu einem weltweiten Einbruch führte und eine Reihe von Schwarzen Schwänen auslöste. Laut CoinGecko ist Bitcoin seit seinem Allzeithoch von 69.000 US-Dollar im November letzten Jahres um über 70 % gefallen. Aufgrund der Heftigkeit des Absturzes beschrieb die New York Times die Situation treffend als „freien Fall“. Ether (ETH), die zweitgrößte Kryptowährung nach Bitcoin, fiel am 18. Juni auf den tiefsten Stand seit Januar 2021. Was können wir Ihrer Meinung nach aus dem Luna-Crash lernen? Und warum erwiesen sich ausgerechnet jene Krypto-Investmentfirmen, die von vielen in der Branche hoch angesehen wurden, in dieser Krise als so anfällig und hilflos? Was sind die Gründe für die jüngsten Liquidierungen und Insolvenzen?
Luo Jinhai:
Ob die Abkühlung des Kryptomarktes direkt mit dem Luna-Crash zusammenhängt, lässt sich schwer genau sagen. Dennoch können wir diesen Bärenmarkt aus drei Blickwinkeln betrachten.
Erstens waren in der Frühphase des Bitcoin-Marktes Kursschwankungen von rund ±50 % durchaus üblich – daher sollten wir den aktuellen Bärenmarkt nicht überbewerten. Zweitens verläuft die Kursentwicklung des Kryptomarktes sehr ähnlich zu der des NASDAQ und des chinesischen A-Aktienmarktes. Das bedeutet, dass Kryptowährungen, die theoretisch völlig unabhängig von der realen Welt sein sollten, in Wirklichkeit eng mit dem traditionellen Finanzsystem verflochten sind. Risiken aus den realen Finanzmärkten übertragen sich direkt auf den Kryptomarkt, und Verluste werden dort wieder ausgeglichen. Drittens haben die Marktteilnehmer im Krypto-Bereich möglicherweise gelernt, Short-Positionen einzunehmen.
Private Anleger investieren im Kryptomarkt oft einen hohen Vermögensanteil, während Großkapital grundsätzlich skeptisch bleibt – was zu einem langsamen Kapitalzufluss führt. Das schafft ideale Bedingungen für Spekulanten mit Short-Strategien. Voraussichtlich wird der Kryptomarkt künftig stärker schwanken als die traditionellen Finanzmärkte und sich immer enger mit diesen verbinden.
Letztendlich wird ein Kryptomarkt mit extrem schnellen und heftigen Schwankungen bald keine klassischen Bären- oder Bullenmärkte mehr kennen – alles hängt dann allein davon ab, wo die Grenzen der menschlichen Spekulationsgier liegen. Herr Shi, welche Bereiche halten Sie im Bärenmarkt für strategische Positionierungen besonders geeignet? Wie sollten große Technologieunternehmen vorgehen? Wie Unternehmen generell – insbesondere staatliche (SOEs) und private? Und wie sollten Privatpersonen handeln?
Shi Xingguo:
Streng genommen sind wir nur Beobachter und haben daher nur begrenzte Kompetenz, uns zum Bärenmarkt zu äußern. Bei der strategischen Planung kommt es jedoch entscheidend darauf an, die eigene Rolle klar zu definieren. In der Blockchain- bzw. Web3-Branche stellt sich die Frage: Möchten Sie die Früchte ernten oder lediglich als Begleiter fungieren? Diese Unterscheidung führt zu einer klaren Trennung zwischen langfristigem und kurzfristigem Denken sowie den entsprechenden Geschäftsmodellen. Konzentrieren Sie sich auf Geschäftsmodelle, können Sie schnell Erfolg haben – doch der Absturz erfolgt ebenso schnell. Konzentrieren Sie sich stattdessen auf Technologieentwicklung, verlängert sich der Zeitrahmen, aber bei richtiger Ausrichtung sichert das langfristiges Überleben.
Derzeit sind sowohl Metaverse als auch Web3 technologisch noch sehr schwach aufgestellt – ein vielversprechender Investitionsansatz. Allerdings ist die Einstiegshürde hoch: Es ist schwer einzuschätzen, ob eine bestimmte Technologie wirklich zukunftsfähig ist oder langfristig eine wichtige Rolle spielen wird. Zudem erfordert die langfristige Entwicklung Geduld und Ausdauer.
Auf Geschäftsebene halte ich Bereiche für besonders aussichtsreich, die direkte Wechselwirkungen mit der Realwirtschaft ermöglichen – etwa NFTs. Derzeit dominieren bei NFTs vor allem Anlage- und Kunstformate, nicht aber geschäftliche Anwendungsfälle.
Sie äußerten zuvor die Sorge, dass große Technologieunternehmen den Web3-Bereich dominieren könnten – hier unterscheiden sich meine Ansichten leicht. Zum Beispiel scheiterten zwei unbestrittene Branchengrößen der Mobilfunkindustrie, Nokia und Motorola, kurz vor dem Aufkommen des mobilen Internets. Erstens entspricht die Innovationskraft großer Unternehmen nicht zwangsläufig den Anforderungen neuer Branchen. Zweitens ist der Markt zu Beginn meist zu klein, um großes Kapital anzuziehen; wenn er jedoch groß genug ist, um attraktiv zu werden, haben die etablierten Unternehmen den Zug oft bereits verpasst – denn die Gründerteams der „neuen Märkte“ sind ihnen weit voraus. Die meisten Web2-Erfolge nach 2010 stammen keineswegs von ehemaligen Branchenriesen.
Der Kryptomarkt-Crash wirkte sich auch auf den NFT-Markt aus: Weltweit erlebt dieser ebenfalls einen Bärenmarkt, wobei sowohl das Handelsvolumen als auch der globale Popularitätsindex stark zurückgingen. Manche glauben fest an den Wert von NFTs, andere bezweifeln deren technologische Substanz hinter einer Illusionsfassade; wieder andere sehen darin eine geplatzte Blase, während andere lediglich zyklische Schwankungen erkennen. Wie schätzen Sie, Herr Luo, den tatsächlichen Wert und die zukünftige Entwicklung von NFTs ein? Und welchen Nutzen bieten sie für die breite Öffentlichkeit?
Luo Jinhai:
Ich spüre kein Platzen der NFT-Blase; vielmehr entwickeln sich NFTs bislang in einem gesunden Rhythmus. Der gesamte Markt ist dynamisch und florierend. Wir dürfen nicht allein aufgrund sinkender Marktpreise und rückläufiger Popularitätswerte den Wert von NFTs in Frage stellen. Angesichts der zahlreichen Unternehmen, die NFTs mittlerweile strategisch einsetzen, halte ich sie für die gesündeste und positivste Anwendung der Blockchain-Technologie, die mir bisher begegnet ist.
Aktuelle NFTs und digitale Sammlerstücke dienen im Wesentlichen dazu, Nutzerströme, Markenentwicklung oder IP-Strategien zu fördern. Ihr eigentlicher Wert wird sich erst zeigen, wenn Web3 eine gewisse Reife erreicht hat – nämlich dann, wenn Inhaber mithilfe ihrer NFTs tatsächlich durch virtuelle Welten navigieren können. Derzeit befinden wir uns noch in einer Grundlagenphase; von einem Platzen der Blase zu sprechen, ist verfrüht. Aktuelle NFTs sind größtenteils bloße digitale Abbilder physischer Objekte; originäre, native NFTs sind noch selten.
Das sind meine persönlichen Einschätzungen. Wie bewerten Sie, Herr Shi, den tatsächlichen Wert und die zukünftige Entwicklung von NFTs? Wohin sollten sie Ihrer Meinung nach führen?
Shi Xingguo:
Verglichen mit den Turbulenzen, die der Kryptomarkt einst durchlebte, erscheint der aktuelle NFT-Marktrückgang vielleicht eher als Bagatelle – da stimme ich Ihnen voll und ganz zu.
NFTs sind im Kern ein digitales Instrument zur Abbildung realweltlicher Rechte. Der NFT selbst besitzt keine intrinsische Bedeutung – vielmehr liegt der Wert in dem, was er repräsentiert, und in den dahinterstehenden Geschäftsmodellen.
Ein etwas unpassendes Beispiel: Domains besitzen einen Wert – einige werden sogar zu astronomischen Preisen gehandelt. Doch eine beliebig registrierte Domain, die nicht aktiv genutzt wird, ist möglicherweise wertlos – ja, sie könnte sogar eine Belastung darstellen, da jährliche Gebühren anfallen. Analog dazu ergibt sich der Wert von Werbeplätzen auf Websites aus dem Wert der Webseite selbst, der wiederum von den zugrundeliegenden Geschäftsaktivitäten abhängt.
Folglich lohnt es sich nicht, über NFTs an sich zu diskutieren; vielmehr müssen wir uns mit dem befassen, was sie repräsentieren. In Zukunft können NFTs als Rechtstitel, als Medium zur Identitätsdarstellung oder sogar als universelles Werkzeug dienen. Die derzeitige, noch primitive Form von NFTs – nämlich als Urheberrecht – gehört zum Bereich kultureller Konsumgüter. In China beläuft sich das Marktvolumen dieses Segments auf etwa eine Billion Yuan. Davon ausgehend ergeben sich zahlreiche weitere Anwendungsbereiche: Brand-Marketing, Tourismus und Kultur sowie Web3-Anwendungen – all dies bietet NFTs einen äußerst vielversprechenden Zukunftsmarkt.
Vierter Teil: Digitale Sammlerstücke
Shi Xingguo:
Kommen wir zum chinesischen Markt für digitale Sammlerstücke. Herr Luo, Sie haben einmal angemerkt, dass diese derzeit noch weitgehend auf die physische Welt beschränkt seien – was offensichtlich nur die allererste Schöpfungsphase der digitalen Zivilisation darstellt. Wie würden Sie also Ihr idealtypisches digitales Sammlerstück beschreiben?
Luo Jinhai:
Ideale digitale Sammlerstücke müssen mit einer perfekten digitalen Welt verbunden sein – also genau dann, wenn wir in der Lage sind, eine vollständige digitale Zivilisation darzustellen, entfalten digitale Sammlerstücke ihr maximales Potenzial. Derzeit sind wir allerdings noch weit davon entfernt.
Im Hinblick auf das chinesische Ökosystem sind digitale Sammlerstücke im Vergleich zu NFTs jedoch ebenfalls unvollständig: So ist beispielsweise ein Sekundärmarkt für den Wiederverkauf nach wie vor unmöglich – wodurch konkrete Anwendungsfälle von vornherein ausgeschlossen sind.
Mein ideales digitales Sammlerstück ist ein Objekt, das in einer zukünftigen digitalen Umgebung durch Smart Contracts entsteht, zahlreiche Anwendungsszenarien durchdringt und von immer mehr Systemen anerkannt wird – so wird sein digitaler Wert maximiert. Wenn wir ein solches Sammlerstück besitzen, können wir in einem bestimmten Bereich zu einer Figur wie Li Bai werden: Wir lachen über Berge und Flüsse hinweg, genießen dank einer kaiserlichen Medaille überall Speis und Trank und schwingen uns frei durch die Landschaft. Sobald wir diese vorgefertigte Medaille vorzeigen, können wir an jedem Ort essen, trinken und uns vergnügen: „Der Wein fließt mutig in unsere Kehlen – sieben Zehntel verwandeln sich in Mondlicht; die restlichen drei Zehntel erheben sich als Schwertkraft; und sobald wir mit unserem kunstvoll geformten Mund sprechen, entsteht ein halbes blühendes Tang-Reich.“ (Anmerkung: Aus dem Gedicht „Auf der Suche nach Li Bai“ von Yu Guangzhong) Diese kühne Haltung und Freiheit können wir für uns nutzbar machen.
Shi Xingguo:
Sehr beeindruckend! Mein idealisiertes digitales Sammlerstück sieht fast genauso aus, wie Sie es beschreiben. Ihre Darstellung ist sehr lebendig und vermittelt sofort die Faszination dahinter. Der Markt für digitale Sammlerstücke entwickelt sich rasant – mittlerweile herrscht ein „Kampf der Tausend Sammlerstücke“, Plattformen stehen unter starkem Druck, und IP-Rechte werden inflationär vergeben. Wie sehen Sie die Zukunft digitaler Sammlerstücke? Werden sie nur ein kurzlebiger Trend bleiben oder sich zu einem nachhaltigen Nischenmarkt entwickeln? Und wie lässt sich der aktuelle Wettbewerbsdruck auf dem Markt durchbrechen?
Luo Jinhai:
Auch wir bei 2140 betreiben einen Marktplatz für digitale Sammlerstücke und haben dazu einige fundierte Einsichten. Meiner Meinung nach gibt es zwei wesentliche Lösungsansätze: Erstens müssen konkrete Anwendungsszenarien geschaffen werden. Auf unserer 2140-Plattform bieten wir Sammlern beispielsweise digitale Gegenstände an, mit denen sie in der digitalen Welt interagieren können. Zweitens sollten digitale Sammlerstücke nahtlos in den umfassenden narrativen Rahmen von 2140 eingebettet werden – in ein kosmologisches Setting, das 13,8 Milliarden Jahre umspannt. Ein von Ihnen veröffentlichtes Kunstwerk könnte etwa ein Gemälde an der Wand einer Zivilisation aus einem der sechs Reiche sein – so verbindet sich Ihr Werk direkt mit unserer Gesamtgeschichte.
Das sind einige meiner Ideen, um die aktuelle Marktsituation zu überwinden. Haben Sie, Herr Shi, bereits eigene Ansätze entwickelt?
Shi Xingguo:
Ausgezeichnet! Sie selbst sind Schriftsteller – und Schriftsteller bauen seit Jahrtausenden mit Worten die geistige Welt der Menschheit auf. Die 2140-Plattform ist im Grunde ein neues Buch, das Sie als moderner Autor mit neuen Technologien für die Menschen der Zukunft geschrieben haben – ein Leitfaden, der sie anleitet, die Metaverse-Welt zu lesen und zu erleben. Digitale Sammlerstücke entsprechen dabei einzelnen Kapiteln, Textpassagen oder Gegenständen in diesem Buch. Ich halte diesen Ansatz für sehr repräsentativ – er zeigt zumindest eine Richtung auf, in der digitale Sammlerstücke langfristig nachhaltigen Wert generieren können.
Luo Jinhai:
Unser Ansatz konzentriert sich stärker auf humanistische Aspekte oder praktische Geschäftsanwendungen, während Sie, Herr Shi, eher auf die zugrundeliegende technische Architektur fokussieren. Im Bereich der digitalen Sammlerstücke hat Ihr Team von Chao Kuai Lian („Super Blockchain“) kürzlich eine bedeutende Initiative gestartet: Gemeinsam mit Huo Xun Finance und weiteren renommierten Institutionen wurde der „Shu Cang Yun“-Fonds mit einem Volumen von 100 Millionen Yuan angekündigt, der tausend Unternehmen der Realwirtschaft kostenlose technische Unterstützung für digitale Sammlerstücke bietet. Diese Ankündigung hat in der Branche große Resonanz und breite Berichterstattung ausgelöst. Warum beteiligt sich Chao Kuai Lian an diesem Programm? Welchen Wert und welche Bedeutung hat diese Initiative? Gibt es bereits erfolgreiche Fallbeispiele von „Shu Cang Yun“?
Shi Xingguo:
Ja, unser Unternehmen Chao Kuai Lian hat kürzlich gemeinsam mit Huo Xun Finance und dem börsennotierten Unternehmen Beiqingsong das „Shu Cang Yun“-Programm ins Leben gerufen, um tausend Unternehmen der Realwirtschaft kostenlose technische Unterstützung anzubieten. Unser Vorstandsvorsitzender Zhang Xiangning gründete einst China Wanwang – damals steckte das Internet in China noch in den Kinderschuhen, und niemand wusste so recht, was es war. Genauso wenig wissen heute viele Unternehmen der Realwirtschaft über Blockchain Bescheid. Damals beschloss Herr Zhang, mindestens zehntausend Unternehmen ans Internet anzuschließen – das erschien völlig verrückt, doch wenige Jahre später stellte sich heraus, dass dieser Plan keineswegs verrückt, sondern sogar viel zu konservativ war. Den Rest der Geschichte kennen Sie alle: Um in ihrer Branche ernst genommen zu werden, wagten es Unternehmen bald nicht mehr, auf eine eigene Website zu verzichten.
Gleiches gilt für digitale Sammlerstücke oder NFTs: Sie sind lediglich eine Form der Darstellung digitaler Rechte – allerdings handelt es sich dabei um eine noch sehr frühe Ausprägung. Mit fortschreitender Digitalisierung aller Rechte wird NFT-basierte Technologie die einzige Möglichkeit sein, solche Rechte angemessen abzubilden und zu verwalten. Man mag sagen: „Ich brauche keine NFTs“, aber man darf keinesfalls behaupten: „Ich habe nicht die Fähigkeit, NFTs zu verwalten oder zu halten.“
Sobald Sie NFTs besitzen, haben Sie einen Ort, an dem Sie Ihre digitalen Rechte ausdrücken können. Fehlt Ihnen diese Möglichkeit, sind Sie faktisch „digitale Sklaven“. Aus einer gewissen Perspektive waren wir in der Web2-Ära tatsächlich alle „digitale Sklaven“ – denn wir besaßen keine eigenständige digitale Identität. Zukünftige Unternehmen benötigen zwangsläufig die Fähigkeit, digitale Sammlerstücke zu verwalten und zu halten. In der Web3-Ära soll jeder Einzelne eine unabhängige digitale Identität besitzen.
Für Unternehmen der Realwirtschaft galt in der Web1-Ära: Wer keine eigene Website hatte, existierte praktisch nicht. Heute sollten Unternehmen zumindest über die Fähigkeit verfügen, digitale Sammlerstücke oder NFTs zu erstellen. Für Brancheninsider ist das kein großes Hindernis – doch für Außenstehende bleibt der Einstieg nach wie vor schwierig und erfordert Erfahrung. Und wenn man wirklich skalierbare, geschäftskritische digitale Sammlerstücke unterstützen möchte, braucht man Parallel-Blockchain-Technologie – also eine Blockchain-Architektur, die echte Massenanwendungen auf Internet-Niveau bewältigen kann. In diesem Prozess fungiert „Shu Cang Yun“ als Pionier, der Unternehmen den Weg in die Web3-Welt ebnet.
Wenn wir glauben, dass Web3.0 in China stattfinden wird, dann ist dies der unvermeidliche Abkürzungsweg, um beim Übergang in die Web3-Ära die Führung zu übernehmen.
„Shu Cang Yun“ kann bereits auf mehrere erfolgreiche Fallbeispiele verweisen: So hat „Qingsong Xiaozhen“ erfolgreich die Sammlerstücke „Bencao Gangmu“ („Kompendium der Materia Medica“) sowie eine digitale Kunst-IP-Serie zum berühmten Arzt Li Shizhen herausgebracht; „Xingyuan Universe“ emittierte gemeinsam mit Shanghai Xizhi Xing Public Welfare und der chinesischen „Si Yuan Poverty Alleviation Foundation“ die gemeinnützige Sammlerstückserie „Xingyuan Baobei“, um Spenden für autistische und behinderte Kinder zu sammeln. Mittlerweile hat „Shu Cang Yun“ bereits über 1,5 Millionen Nutzer erreicht. In Zukunft wird „Shu Cang Yun“ allen Unternehmen, die in die Web3-Welt eintreten möchten, komplette technische Lösungen anbieten. Wir begleiten diese Unternehmen Schritt für Schritt beim Aufbau und Betrieb ihrer eigenen Plattformen für digitale Sammlerstücke und unterstützen sie dabei, ihre Geschäftstätigkeiten nach Web3-Prinzipien zu stärken. Das ist unser Ziel und unsere ursprüngliche Motivation für „Shu Cang Yun“.
Luo Jinhai:
Derzeit verfolgt Chao Kuai Lian also einen anderen technologischen Ansatz als große Tech-Konzerne – am Ende entscheidet das Ökosystem: Wer das größere Ökosystem aufbaut, erlangt auch die größere Entscheidungsgewalt. Eine Frage beschäftigt mich jedoch noch: Können digitale Sammlerstücke auf Konsortialblockchains und öffentlichen Blockchains letztlich problemlos miteinander verbunden werden?
Shi Xingguo:
Persönlich halte ich digitale Sammlerstücke auf Konsortialblockchains für wenig aussichtsreich.
Eine Konsortialblockchain ist im Kern lediglich eine Datenbank, die Blockchain-Technologie nutzt, ohne jedoch volle Fähigkeiten zur Darstellung von Vermögenswerten zu besitzen. Man kann zwar Sammlerstücke auf einer Konsortialblockchain ausgeben, doch sobald man diese zukünftig zur Darstellung weiterer Rechte nutzen oder tiefer in die Geschäftsprozesse eines Unternehmens integrieren möchte, treten die Nachteile deutlich zutage.
Ein Unternehmen benötigt mindestens eine Blockchain mit der Architektur und Leistungsfähigkeit einer öffentlichen Blockchain, um sicherzustellen, dass die von ihm ausgegebenen Assets eine eigenständige digitale Identität besitzen. Selbst bei einer späteren Cross-Chain-Verbindung zwischen Konsortial- und öffentlicher Blockchain erfolgt die Integration höchstwahrscheinlich nur über Mapping – echte Interaktionen via Smart Contracts wären dann nicht möglich. Meiner Ansicht nach sollte jedes Unternehmen, das in die Web3-Welt einsteigt, von Beginn an auf einer öffentlichen Blockchain aufbauen.
Allerdings möchte ich ergänzen: Der Unterschied zwischen öffentlichen und Konsortialblockchains ist im Grunde ein Konzept der seriellen Blockchain-Architektur. Bei der Konstruktion einer solchen Blockchain lässt sie sich nur in einem fest definierten Modus konfigurieren – sie kann verschiedene Betriebsmodi nicht gleichzeitig unterstützen. Sobald die Konfiguration abgeschlossen ist, handelt es sich entweder um eine öffentliche Blockchain oder um eine private Blockchain, die Technologie einer öffentlichen Blockchain nutzt. Enthält diese private Blockchain nur eine begrenzte Anzahl von Knoten, spricht man von einer Konsortialblockchain – das ist im Wesentlichen die Definition.
Im Kontext einer Parallel-Blockchain-Architektur hingegen ist es gar nicht notwendig, strikt zwischen Konsortial- und öffentlicher Blockchain zu unterscheiden. Denn bei Parallel-Blockchains ist die gesamte Struktur per Definition parallelisiert: Geschäftsmodelle können innerhalb einer einzelnen Chain oder einer Sub-Chain derselben Vertrauensdomäne oder nahtlos zwischen diesen Domänen wechseln. Daher stellt sich die Frage, ob man gerade eine Konsortial- oder eine öffentliche Blockchain nutzt, überhaupt nicht.
Wie ich bereits erwähnte: In einer Parallel-Blockchain-Architektur sind viele der derzeit diskutierten Probleme eigentlich gar keine – allerdings müssen wir zugeben, dass das aktuelle Ökosystem der seriellen Blockchain derzeit am weitesten fortgeschritten ist und dort bereits die meisten digitalen Assets akkumuliert wurden.
Der Wechsel zu einer Parallel-Blockchain wird daher noch einige Zeit dauern. Doch die gesamte Branche bewegt sich in diese Richtung – selbst Ethereum 2.0 entwickelt sich in Richtung Parallelisierung.
